Tabuthema Haarausfall: „Meine neuen Haare haben mein Leben komplett verändert“

Tabuthema Haarausfall: „Meine neuen Haare haben mein Leben komplett verändert“

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Haarbürste bei Haarausfall ©iStock/splain2me
©iStock/splain2me

Immer mehr Frauen aller Altersstufen sind von Haarausfall betroffen. Für sie ist jeder Blick in den Spiegel eine Qual. Haarersatz kann dann für neues Glück sorgen, wie bei Sara (13) und Elke (53)

Mit Tränen in den Augen steht die 13-jährige Sara vor dem Spiegel. Immer wieder greift sie nach der Bürste, um sich durch die Haare zu kämmen. Bisher durfte sie das nie. Die Gefahr, nicht sachte genug zu sein und sich zu viele Haare auszureißen, war einfach zu groß. Nun sieht sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit vollem Haar. Was für die meisten Frauen nach einer Selbstverständlichkeit klingt, wird für die Schülerin nie selbstverständlich sein.
Denn Sara Müller aus Rheinstetten leidet an der Autoimmunerkrankung Alopecia areata, auch bekannt als kreisrunder Haarausfall. Ihr Immunsystem stuft ihre Haare als fremd ein und stößt sie ab. Die Haare wachsen zwar nach, doch sie fallen auch wieder aus.

Diagnose mit zwei Jahren

Sara Müller Vorherfoto, © Privat
VORHER: Die 13-jährige Schülerin Sara Müller leidet an kreisrundem Haarausfall
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Sara Müller Nachherfoto, © Privat
NACHHER: Lange Haare sind ihr großer Traum. Das Haarteil macht zumindest einen Anfang
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„Schon als Kleinkind ging sie ganz tapfer damit um“, erzählt ihre Mutter Petra (47). Draußen trug sie öfter mal eine Mütze, im Kindergarten und in der Schule erzählte sie offen von ihrer Krankheit, um Tuscheleien zu vermeiden. „Wir haben jahrelang viel Geld und Hoffnung für angebliche Wundermittel und Scharlatane investiert, doch nichts half.“
Im Spätsommer 2014 verlor Sara dann so viele Haare, dass ein sieben Quadratzentimeter großes Loch am Oberkopf zu sehen war. In einem spezialisierten Frisörsalon bekam sie daraufhin ein Integrations-Haarteil, was in ihr verbliebenes Haar eingearbeitet wurde. Es war der Tag, der ihr vor Erleichterung die Tränen in die Augen trieb. Oft hatte die Gymnasiastin nach dem Sinn ihrer Krankheit gefragt. „Inzwischen weiß ich, dass ich das habe, damit ich später in die Forschung gehen kann. Denn das kann nur jemand, der die Not kennt. Und dann werde ich den Durchbruch erzielen!“

Warum Frauen besonders unter Haarausfall leiden

Während das männliche Geschlecht mit wenigen oder gar keinen Haaren gesellschaftlich akzeptiert wird, gilt bei Frauen eine gesunde und volle Mähne immer noch als Zeichen von Attraktivität und Weiblichkeit. Oft läuten unsere Alarmglocken ja schon, wenn wir morgens plötzlich mehr Haare als sonst in der Bürste finden. Mittlerweile klagt ein Drittel aller deutschen Frauen darüber.
Dabei ist es völlig normal, dass uns täglich Haare ausgehen. Erst wenn es mehr als 100 Stück sind, sollte man einen Arzt aufsuchen, um die Ursachen abzuklären. Und diese sind vielfältig. Neben einer erblichen Veranlagung für Haarausfall kann das etwa ein hormonelles Ungleichgewicht sein, z. B. nach einer Geburt, in den Wechseljahren oder während einer Pillenpause. Aber auch emotionaler Stress, eine unausgewogene Ernährung oder Crash-Diäten können Haarausfall auslösen. Andere mögliche Ursachen sind Medikamente (z. B. Betablocker, ACE-Hemmer, Chemotherapeutika), Schilddrüsenprobleme oder Infektions- und Stoffwechselerkrankungen.

Was Haarersatz für Betroffene kostet

Haarteil, © PR/Fischbach + Miller
Frauen mit schütterem Haar am Oberkopf hilft ein Integrations-Haarteil aus Echthaar
© PR/Fischbach + Miller

Haarersatz kann für viele eine Hilfe sein. Ganz egal, welcher Grund zu schütterem Haar führt, inzwischen gibt es vielversprechende Angebote. „Meistens ist eine Haarverdichtung mit Haarbändern oder Haarteilen – so wie bei Sara – die ideale Lösung“, erklärt Marianne Trepesch, Haarexpertin und Vertriebsleiterin der Haarveredlung Fischbach + Miller. Dabei wird das eigene Haar mit Echt- oder Kunsthaaren aufgefüllt. Für ein natürliches Ergebnis müssen Länge, Struktur und Farbe dem eigenen Haar möglichst ähnlich sein.
Wenn ein Attest vom Haus-, Haut- oder Frauenarzt vorliegt, das die Notwendigkeit für einen Haarersatz bescheinigt, übernehmen die Krankenkassen einen Teil oder gar die ganzen Kosten. Folgetermine für die Nachbearbeitung muss der Patient allerdings selbst tragen (je nach Frisör 55 bis 85 Euro). „Unsere Echthaarteile kosten beim Zweithaarexperten oder spezialisierten Frisörsalon zwischen 600 und 700 Euro. Sie wachsen mit dem Eigenhaar mit, daher müssen sie alle sechs bis acht Wochen nachgearbeitet werden. Bei richtiger Pflege halten sie ein bis zwei Jahre.“
Die Einarbeitung dauert im Schnitt eine Stunde. „Die Haarteile sind handbeknüpft und werden mit Clipsen am Echthaar fixiert. Mit einer Durchziehnadel werden die feinen Eigenhaarsträhnen durch die Ösen gezogen, dann wird ein Knüpfknoten gemacht und dieser mit einem Kleber befestigt.“ Man sieht keine Verbindungsstellen wie es bei Extensions beispielsweise üblich ist. Dass nachgeholfen wurde, kann daher ein Geheimnis der Trägerin bleiben. Anders als bei Perücken gibt es auch keine Einschränkungen bei Wind oder beim Sport und Schwimmen.

Dank Haarteil fühlt sich Elke wie ein anderer Mensch

Elke Barniske Vorherfoto, © Privat
VORHER: Manchmal fallen Hunderte Haare auf einmal aus, wenn sich Elke Barniske (53) kämmt
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Elke Barniske Nachherfoto, © Privat
NACHHER: Seit Mai trägt sie daher ein Haarteil: „Es fühlt sich an wie mein eigenes Haar, stört gar nicht!“
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Seit 1989 kämpft sie mit diffusem Haarausfall. „Ich rannte von einem Arzt zum anderen, ich war in Spezialkliniken, bei Heilpraktikern, doch die Ursache konnte nicht geklärt werden“, erzählt die 53-Jährige aus Schwetzingen. Jahrelang trug sie ihre Haare nur geschlossen, vermied den Blick in den Spiegel. „Doch mein allergrößtes Problem war, Männer kennenzulernen…“ Sich offenbaren und die Haare öffnen? Unerträglich. „Das wäre ja, als müsste man ein Holzbein ablegen.“ Elke ging den Männern lieber aus dem Weg und blieb Single. Doch der Einsatz des Haarteils vor sieben Monaten gab ihr ein völlig neues Selbstbewusstsein. „Ich habe Haare und nicht nur ein paar Fransen! Für mich ist das immer noch ein Wunder!“, erklärt die Verwaltungsangestellte. „Und wer weiß, vielleicht kommt ja auch bald noch der Richtige um die Ecke.“ Bereit wäre sie dafür jetzt allemal.