Der neue Wohn-Wahnsinn: Drei unglaubliche Lesergeschichten

Der neue Wohn-Wahnsinn: Drei unglaubliche Lesergeschichten

von -
Wohn-Wahnsinn
©shutterstock/MichaelWick

Bezahlbarer Wohnraum wird für viele immer knapper. Damit 
entpuppt sich der Traum vom schönen Wohnen immer öfter zum Wohn-Wahnsinn. 
Drei Leserinnen* erzählen auf LISA.de 
ihre unglaublichen Erfahrungen

Wer derzeit in deutschen Großstädten neuen Wohnraum sucht, braucht Zeit, Nerven und vor
allem einen Haufen Geld. Denn nach wie vor zieht es immer mehr Menschen in die Stadt. Schließlich winken hier nicht nur mehr Jobs, sondern auch eine bessere ­Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, Bildungs- und Freizeitangebote. Allein die Mainmetropole Frankfurt wächst jedes Jahr um die Größe einer Kleinstadt.
Die Folge: Der Wohnraum in den ­Ballungsgebieten wird immer knapper. Mieten und Immobilienpreise steigen in schwindelerregende Höhen. Allein in München sind die Mieten laut Stadtmarktbericht des Immobiliendienstleisters PlanetHome seit 2005 bei Neubauten um ganze 50 Prozent gestiegen. Bei Bestandsobjekten sind es sogar 51 Prozent.

Die Leidtragenden sind immer öfter junge Frauen oder Familien mit Kindern, die die gestiegenen Wohnkosten kaum noch stemmen können oder von Ver­mietern schamlos ausgenutzt werden.

Melanie (29): „Ich sollte mir das Bett mit dem Vermieter teilen“

Letztes Jahr war Melanie auf der Suche nach einer neuen Wohnung in ­Hamburg. „Ich hatte kurzfristig ein super Jobangebot bekommen und es musste schnell gehen“, erzählt sie. Für lange Bewerbungsverfahren bleibt kaum Zeit. Dann springt der Hotelfachfrau ein möbliertes WG-Zimmer mit einer zweiten Mitbewohnerin ins Auge. „Der Vermieter klang zwar am ­Telefon komisch, doch die vergleichsweise günstige Miete überzeugte mich dann doch.“

Ein Glücksgriff? Melanie reist mit Sack und Pack von Kiel nach Hamburg. Doch vor Ort dann der erste Schock: Statt einer weiteren Frau bewohnte der Vermieter selbst, ein schmieriger Mittvierziger, die Wohnung in ­einem Mehrfamilienhaus am Rande der Stadt. Doch es kommt noch schlimmer: „Es gab auch gar kein zweites Zimmer für mich. Ich sollte mit dem Vermieter das einzige Schlafzimmer teilen. ‚Bei der Miete musst du mir ­natürlich schon ein wenig entgegenkommen. Bei deiner Vorgängerin war das auch kein ­Problem‘, meinte er und grinste anzüglich.“

Entsetzen „Zu allem Überfluss forderte er sogar meine Handynummer, falls ich es mir noch anders überlege“, berichtet sie.
Die junge Frau zieht vorübergehend in eine Ferienwohnung. „Zum Glück fand ich über die neuen Kollegen im Büro dann doch schnell eine kleine Wohnung. Wenn mir das noch mal
passieren sollte, werde ich Strafanzeige wegen Beleidigung und Nötigung stellen. So etwas darf man sich einfach nicht gefallen lassen!“

Bianca (37): „Können sich nur noch Reiche ein Haus leisten?“

Nach der Geburt unserer zwölf Monate alten Tochter war uns schnell klar, dass wir aus unserer 2-Zimmer-Wohnung rausmussten“, erzählen Bianca und Sven (38) aus Offenburg im Südwesten Deutschlands. Die Büro-Assistentin und der Elektriker haben zwar kaum Startkapital, wollen nun aber endlich ihren Traum vom eigenen Häuschen mit Garten verwirk­lichen. „Wenn wir schon jeden Monat viel Geld für Wohnraum zahlen müssen, dann stecken wir es besser gleich in die ­eigenen vier Wände“, sagen sie.

Ernüchterung Doch je länger das Paar sucht, desto nervenaufreibender wird der Traum vom Eigenheim – denn der Markt ist völlig über­teuert. „Viele Häuser werden außerdem gar nicht mehr auf dem offiziellen Markt ange­boten, sondern gehen direkt unter der Hand weg“, so Bianca. „Doch selbst wenn mal ein scheinbar bezahlbares Objekt ausgeschrieben wird, gibt es bloß einen Sammeltermin und man wird mit 40 bis 50 Mitbewerbern durchs Haus geschubst.“
Der absolute Höhepunkt ist eine freigewordene Doppelhaushälfte.„Lage und Zustand des Hauses waren nicht optimal und das Grundstück sehr klein, aber unsere Wünsche haben wir schon lange runtergeschraubt“, erzählt Bianca. Als es zum typischen Bieterverfahren kommt, gibt auch das Paar sein Gebot ab. „Einige der Mitbewerber kannten sich und begannen einen regelrechten Wettstreit. Am Ende wurde das Haus für unfassbare 700 000 Euro verkauft. Wir waren mehr als schockiert. Und gleichzeitig immer hoffnungsloser. Können sich nur noch Superreiche ein Haus leisten?“

Notlösung Bianca und Sven haben nun eine 3-Zimmer-Wohnung bezogen und den Traum vom Haus erst einmal schweren Herzens auf Eis
gelegt.

Sandra (43): „Wir fühlen uns allmählich wie Bittsteller“

Seit über einem Jahr sind Sandra und ihr Mann Achim (44), die momentan mit ihren drei Kindern in Düsseldorf auf 65 Quadratmetern leben, auf der Suche nach einer größeren Wohnung. „Wir haben schon über 50 Bewerbungen geschrieben. Besichtigungen gab es in dieser Zeit vielleicht ein Dutzend“, erzählen die Eltern dreier Kinder (10, 5 und 3). „Wir fühlen uns wie Bittsteller.“

Endlosschleife Woche für Woche durchforstet die Familie Inserate in Zeitungen und im Netz, steht in Warteschlangen bei Massenbesichtigungen, füllt Bewerbungsformulare aus, gibt polizeiliche Führungszeugnisse ab und hofft darauf, diesmal Glück zu haben. „Viele Wohnungen auf dem freien Markt ­können wir uns nicht leisten. Meistens erhalten dann doch kinderlose Paare mit gutem Einkommen den Zuschlag. Und wir stehen im ­Regen“, sagt Sandra frustriert.

Kompromisse Die Familie hat sich nun direkt an eine große Wohnungsgesellschaft gewandt. Dort, so rieten ihnen Experten, sei der Wohnungsbestand einfach größer – auch für Familien mit mehreren Kindern. Sie überlegt außerdem, vielleicht doch in einen der Nachbarstadtteile zu ziehen. „Auch wenn das bedeutet, dass wir unsere Jüngsten aus ihren Kitas herausreißen und längere Fahrtwege in Kauf nehmen müssen“, sagt Achim.

Zum Weiterlesen: Hier berichten 3 Alleinerziehende wie es ist, Ernährerin, Berufstätige und Hausfrau in einem zu sein.