Windeln oder nicht – was ist besser fürs Kind?

Windeln oder nicht – was ist besser fürs Kind?

von -
windeln
iStock/poplasen

Immer mehr Eltern lassen ihre Babys ohne Windeln großwerden. Doch kann das wirklich funktionieren? Wir haben eine Mutter, einen Arzt und eine Psychologin gefragt.

Ein Kind verbraucht im Durchschnitt 5000 Windeln, bis es trocken ist. Das sind rund 1000 Euro und anderthalb Tonnen Müll. „Nicht bei uns“, sagen Eltern, die der „Windelfrei“-Bewegung angehören. Mit viel Zeit und Kommunikation ziehen sie ihre Babys „unten ohne“ groß. Babys ohne Windeln? Ein Bild, gegen das sich die meisten sträuben. Schließlich gehört beides zusammen. Das glaubt man zumindest bei uns. Außerhalb der Industrieländer gehören Kleinkinder ohne Pampers zur Normalität. Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung ziehen ihre Kinder ohne Wegwerfwindeln groß. Und auch immer mehr Eltern hierzulande leben nach dieser Methode.

Die windelfreie Erziehung

Das Prinzip ist einfach: Schon von Geburt an melden sich Babys, wenn sie mal müssen. Die Eltern reagieren auf das Signal und halten das Baby über ein Gefäß. Abhalten ist das Fachwort. Es wird empfohlen, damit vor dem vierten Lebensmonat zu beginnen, da einige Kinder die Signale wieder einstellen, wenn sie merken, dass nicht darauf reagiert wird. Viele Eltern wickeln ihre Kinder zur Absicherung oder üben das Konzept nur in Teilzeit aus. Im Grunde geht es darum, dass Babys merken sollen, dass das, was sie aussenden, auch wahrgenommen wird. Zudem gibt es positive gesundheitliche Auswirkungen (kein Wundsein, weniger Koliken). Manche Eltern wollen Müll vermeiden, andere Geld sparen.

Das sagt die Mutter, die ihr Kind ohne Windeln großzieht

Stefanie (30) aus Köln: „Als Laurice dreieinhalb Monate war, habe ich begonnen, ihn nach dem Schlafen und Stillen abzuhalten – da müssen Kinder eigentlich immer. Ich habe dann seinen Rücken an meinen Bauch gestützt und ihn über das Waschbecken gehalten und dazu ‚Psss‘ gesagt, damit er das Geräusch mit dem Pipimachen verbindet. Es hat von Anfang an super geklappt.

Je früher man damit beginnt, desto offener sind Kinder dafür, weil sie noch nicht so sehr mit anderen Dingen beschäftigt sind. Wenn ich noch mal Mama werde, würde ich direkt nach der Geburt damit starten. Es ist einfach ein gutes Gefühl zu wissen, dass du die Signale deines Kindes verstehst und auch darauf eingehst. Laurice ist inzwischen zwei Jahre und es gibt immer noch Situationen, in denen er doch nicht muss oder nicht will. Das gehört dazu. Wichtig ist, das Kind nicht danach zu beurteilen – also weder zu schimpfen noch zu loben. Man muss das Kind auch gar nicht 24 Stunden am Tag abhalten. Es sollte nicht windelfrei,sondern vielmehr Windelfreiheit heißen. Wenn es mal gar nicht klappt oder wir im Stress sind, ziehe ich ihm eine Windel an. Ansonsten ist er zu Hause ohne – tagsüber und nachts. Wenn ich unterwegs bin, ziehe ich ihm auch immer eine an, trotzdem versuche ich, ihn abzuhalten. Eine Packung Windeln hält bei uns ewig.“

Das sagt der Arzt

Kinderarzt und Autor („Kinder verstehen“) Dr. Herbert Renz-Polster: „Einige Sekunden vor dem Geschäft lassen Kinder einen kurzen Schrei los oder machen eine ruckartige Bewegung. Auch an einer Änderung des Atemrhythmus, plötzlichem Erröten oder einem kurzen Zittern können Eltern erkennen, dass ihr Baby muss. Schon Babys sind nicht einfach „undicht“ – sie bleiben z.B. im Tiefschlaf trocken. Die meisten der „windelfrei“ großgezogenen Kinder sind mit etwa 24 Monaten tagsüber sauber. Studien in anderen Kulturen legen nahe, dass die Kinder so früher trocken sind. Das berichten auch Eltern hierzulande. Aber die frühe Sauberkeit ist kein Ziel an sich. Wichtiger ist, dass wir mit unseren Kindern ein entspanntes Leben führen. Alles, was uns Druck macht, setzt nur unsere Beziehung zum Kind aufs Spiel.“

Das sagt die Psychologin

Kinder- und Familienpsychologin Haik Schönherr: „Die Erziehung ohne Windeln funktioniert, wenn eine Mutter in sich ruht, ihr Kind ununterbrochen beobachten kann und geschickt in der Wahrnehmung ist. Schon ein Säugling hat eine reduzierte Mimik und sendet Reaktionen, die man zuordnen muss. Allerdings ist die Anfangszeit für die Eltern ohnehin von vielen Anforderungen geprägt – die Eltern sollten sich nicht unnötig überfordern. Sie dürfen daraus auch keinen Leistungswettbewerb machen. Wenn ich permanent mein Kind daraufhin wahrnehme, ob es urinieren oder koten muss, ist mir der Fokus zu streng – Prioritäten verschieben sich und andere Sachen können zu kurz kommen. Wichtig ist, das Kind als selbstständiges Wesen wahrzunehmen, den Abnabelungsprozess zu fördern und bestimmte Vorgänge autonom passieren zu lassen. Das geht nicht, wenn Mütter ihre Babys beim Urinieren und Koten halten müssen. Dass Kinder den Topf benutzen, funktioniert aber erst ab ca. einem halben Jahr, wenn sie stabil sitzen können. Alles, was vor diesem Zeitpunkt abläuft, finde ich nicht förderlich.“