Was macht eigentlich ein Sexualbegleiter?

Was macht eigentlich ein Sexualbegleiter?

von -
Sexualbegleiter
©iStock/mediaphotos

Ute Himmelsbach ist Sexualbegleiterin und sehr glücklich mit ihrem Beruf. Weil sie Menschen hilft, ihr Verlangen nach Nähe zu stillen. Uns hat sie von ihrer Arbeit erzählt.

Ute Himmelsbach ist eine der wenigen Sexualbegleiter in Deutschland. Wir haben sie bei ihrer Arbeit begleitet:

Zärtlich legt sie ihre Arme um Jürgen (56)*. Er schmiegt seinen Kopf an ihre Brust, genießt ihre Berührungen. Es dauert lange, bis sich Jürgen aus der Umarmung löst. Zu schön ist für ihn der Moment der Zweisamkeit. Diese Szene spielt sich nicht zwischen einem normalen Liebespaar ab. Jürgen lebt in einem Pflegeheim. Und Sexualbegleiterin Ute Himmelsbach teilt mit ihm diese Momente. Jürgen ist geistig behindert und von der Hüfte abwärts gelähmt. Seit seiner Geburt ist er an den Rollstuhl gefesselt. In seinem Pflegeheim ist Jürgen scheinbar rundum versorgt. Er wird verpflegt, erhält medizinische Versorgung und nimmt an Freizeitangeboten teil. Doch Nähe, Geborgenheit oder gar Sex – das ist nicht vorgesehen. Eine Freundin hat er nie gehabt, Liebkosungen einer Frau und weibliche Nähe noch nie erleben dürfen.

Sie nennt sie „Kunden“

Sexualbegleiter
Körpertherapeutin &
Sexualbegleiterin Ute Himmelsbach aus Saarbrücken ©privat

Einmal im Monat kommt Ute Himmelsbach zu Jürgen ins Pflegeheim. Dann gibt sie ihm das, wonach er sich schon so lange sehnt. Das, was ihm kein Pflegepersonal in seinem Heim geben kann. Sie berührt ihn, kuschelt mit ihm, hört ihm zu. Die Endvierzigerin ist eigentlich Diplom-Sozialarbeiterin und Massagetherapeutin. Im Jahr 2010 kommt sie zum ersten Mal mit dem Thema Sexualbegleitung in Berührung. „Diese Art der Beziehungsarbeit, die intensive Auseinandersetzung mit anderen Menschen, das waren bewegende Erfahrungen, die mich darin bestärkt haben, diesen Weg weiterzugehen.“ Ute lässt sich zur Sexualbegleiterin ausbilden. „Seither erreichen mich immer mehr Anfragen“, berichtet sie. Die Kunden, so nennt Ute die Menschen, die ihre Arbeit in Anspruch nehmen, sind meist geistig oder körperlich Behinderte, aber auch Senioren. „Am Anfang der Sexualbegleitung steht – wie in der Psychotherapie auch – ein erstes Treffen zum Kennenlernen“, sagt Ute. Es findet meist im eigenen Haushalt, in einer Pflegeeinrichtung oder in ihren Praxisräumen statt. Manchmal sind auch Betreuer, Pflegepersonal oder Angehörige dabei. „Es muss immer für beide Seiten passen, die Chemie muss einfach stimmen“, betont Ute. „Wenn jemand sofort mit expliziten Forderungen nach Sex auf mich zukommt, dann funktioniert das nicht.“

Wenn die Chemie stimmt

Stimmt die Chemie, beginnt Ute langsam ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, um so herauszufinden, welche Bedürfnisse ihr Gegenüber hat. Das braucht oft Zeit. Wie weit beide gehen, ist individuell verschieden. Zum eigentlichen sexuellen Akt kommt es sogar eher selten. Einige genießen es einfach nur, in den Arm genommen oder bei ihr nackt sein zu dürfen – ohne ein schlechtes Gewissen und ohne Angst, den Ärger des Pflegepersonals im Heim auf sich zuziehen.

Manche wollen einfach nur in den Armgenommen werden

„Manche hatten wie Jürgen aufgrund ihrer Behinderung noch nie zärtlichen Kontakt zum anderen Geschlecht und haben ihren eigenen Körper noch nicht entdecken können“, berichtet Ute. Für sie sind die Therapiestunden völlig neue, wunderbare Erfahrungen: Wie riecht eigentlich ein anderer Mensch?Wie fühlt sich fremde Haut an? Wie kann ich anderen Gutes tun? Manchmal fällt es Ute schwer, sich auf derart unterschiedliche Menschen und Schicksale einlassen zu können. Doch es entstehen auch ganz besondere Momente. „Ein Kunde litt an schwerem Muskelschwund. Er konnte kaum sprechen oder sich bewegen. Aber in unserer Begegnung verschwand seine Behinderung. Da war er ein ganz normaler Mann.“ An der Art, wie Ute über ihre Arbeit spricht, wird schnell klar, wie eng die emotionale Beziehung zu ihren Kunden ist: „Viele erleben erst durch mich, wie wunderbar Berührungen sind.“

Pflegeheime haben das Problem erkannt

„Die Sehnsucht vieler Bewohner nach körperlicher Intimität spürt auch unser Pflegepersonal. Da kann es für beide Seiten zu unangenehmen oder peinlichen Situationen kommen“, berichtet der Leiter eines Pflegeheimes bei Bonn. Auf der Suche nach einer Lösung stieß er auf Gabriele Paulsen. Sie stellte 2015 das Internet-Portal Nessita.de auf die Beine, eine Vermittlungsagentur für Sexualbegleiter – mit überwältigender Resonanz. Seit der Gründung stehen die Telefone in der Agentur nicht mehr still, so groß ist der Informationshunger bei Betroffenen, deren Angehörigen und den Pflegeheimen nach Hilfestellung im Umgang mit Sexualität. Zuletzt wurden sogar Politiker auf die Problematik aufmerksam und fordern nun eine Kostenübernahme für Sexualbegleitung.

Sexualbegleiter – noch immer ein Tabu

Dabei ist das Thema nicht neu. Bereits seit rund 30 Jahren bieten Sexualbegleiter – meist Frauen – ihre Dienste an. 1994 gründete der Psychologe Lothar Sandfort (heute 65) als Vorreiter in Deutschland das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB) im niedersächsischen Trebel. Dort bietet er die Ausbildung zur zertifizierten Sexualbegleitung an. Auch Ute Himmelsbach hat sich hier ausbilden lassen und hält bis heute Kontakt zum Institut. „Die meisten Sexualbegleiter haben langjährige Erfahrung in der Zusammenarbeit mit behinderten Menschen. Sie kommen aus der Körpertherapie, sind Heilpraktiker oder Pädagogen“, sagt Ute über ihre Kollegen.

Ein Tabu ist Sexualbegleitung hierzulande aber noch immer. Denn trotz professioneller Angebote und politischer Vorstöße ist das Thema noch nicht in der deutschen Öffentlichkeit angekommen. Viele Betroffene, aber auch deren Angehörige fühlen sich unsicher, schämen sich vielleicht, wenn es um Sexualität im Alter oder bei Menschen mit Handicap geht. „Da ist noch sehr viel Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft nötig“, wünscht sich Ute. Sexualität bereichert das Leben. Sie verbindet Menschen und macht glücklich. Ja, sie kann sogar heilsam sein. Umso wichtiger ist es, dass sich Menschen wie Ute Himmelsbach oder Gabriele Paulsen für Menschen wie Jürgen einsetzen, damit auch sie nicht länger auf diese wunderbare Erfahrung verzichten müssen.

Weitere Informationen: sexualbegleitung.com oder isbbtrebel.de