„Er ist seit Jahre untreu, aber ich kann ihn nicht verlassen“

„Er ist seit Jahre untreu, aber ich kann ihn nicht verlassen“

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Gehen oder bleiben? ©iStock/Zhenikeyev

Als Marlis* (50) in LISA von einer Frau liest, deren Ehemanns untreu ist, fühlt sie einen tiefen Stich im Herzen: „Das könnte ich sein!“ Die zweifache Mutter hat niemanden zum Reden und schüttet uns ihr Herz aus

Soll ich etwa ganz allein leben?“, sagt Marlis. Ihre Augen schimmern feucht, als sie von ihrer Ehe erzählt. Der Ehe, von der sie so lange glaubte, sie sei glücklich. „Mein Mann und ich kennen uns seit der Schulzeit. Er war etwas älter und ich habe so sehr für ihn geschwärmt!“ Aus ersten zarten Gefühlen wird schnell mehr. Ralf ist Marlis’ erster Freund, der erste Mann in ihrem Bett – und die Liebe ihres Lebens. Mit 18 Jahren heiratet sie ihn, das erste Kind ist da bereits unterwegs. „Es ging alles ganz schnell, aber er gab mir ja nie einen Grund, an seiner Liebe zu zweifeln.“

Er ist immer für die Familie da

Ralf sei der perfekte Ehemann und Vater, beteuert die verzweifelte Marlis. Als Vertreter ist er zwar ständig unterwegs, dafür genießt er die spärliche Zeit zu Hause umso mehr. „Er war, nein, er ist immer für uns da.“ Nach zwei Jahren kommt das zweite Kind und Marlis geht in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter auf. „Wenn Ralf heimkam, hatte er stets Blumen oder meine Lieblingsschokolade dabei. Oder wir gingen zum Essen aus. Wir fuhren jedes Jahr in den Urlaub. Früher mit den Kindern, später zu zweit.“

Die Zeit geht ins Land

Marlis freut sich über jedes Sportabzeichen und die Schulerfolge der Kinder, über die Hochzeit ihres geliebten Sohnes, den ersten Enkel und die Karrierepläne ihrer klugen Tochter. Die Familie ist ihr ganzer Lebensmittelpunkt, Freundinnen braucht sie nicht: „Ich hatte doch alles!“

Dann kam 2015 der Tag, der alles verändern sollte. „Eigentlich passe ich mittwochs immer auf meinen Enkel auf. Aber irgendwas kam dazwischen. Also nutzte ich die unverhoffte Freizeit und ging in die Stadt …“ Marlis steuert das kleine Café am Marktplatz an und sieht dort einen Mann sitzen, der von hinten wie ihr Ralf aussieht. Er zieht gerade eine Frau zu sich heran, küsst sie dann. „Die Frau strahlte so. Und ich war mir plötzlich sicher: Das ist Ralf!“ Wie unter Schock dreht sie sich einfach um und geht.

Lügt er schon länger?

„Zu Hause ärgerte ich mich über mich selbst! Warum war ich abgehauen? Also rief ich Ralf an, sagte ihm, was ich gesehen hatte.“

Der Ertappte gerät ins Stottern, kommt aber sofort nach Hause. Dort streitet das Paar. Marlis schreit, will „ALLES!“ wissen. Ralf redet nicht um den heißen Brei herum: Seit zwei Jahren sei er schon unteu und habe eine Affäre mit seiner Kollegin Marie. „‚Aber eigentlich liebe ich nur dich!‘, sagte er. Und dass es ihm leidtue.“

Marlis zerreißt es das Herz. Sie setzt ihren Mann vor die Tür. Nachdem sie ein wenig zur Ruhe gekommen ist, wird sie stutzig. Ihr Mann, dem sie sonst immer alles aus der Nase ziehen muss, ist auffällig schnell mit der Sprache herausgerückt. „Ich überlegte, ob das schon alles war. Klar, die letzten zwei Jahre hatte er sich immer mit der anderen getroffen, wenn ich unseren Enkel hütete oder er auf ‚Geschäftsreise‘ war. Doch was war davor gewesen?“ Am nächsten Tag ruft Marlis in der Firma ihres Mannes an, verlangt nach Marie: „Ich nahm all meinen Mut zusammen und verabredete mich mit ihr.“

Immerwährende Zweifel

Bei dem Treffen erfährt Marlis dann die ganze bittere Wahrheit: Ralf ist nicht nur direkt von ihr zur Nebenbuhlerin gezogen – die beiden kennen sich schon 20 Jahre! „Sie sagte mir, dass sie sich seit 1997 mit ihm treffe. ‚Da warst du gerade wieder schwanger …‘, schmierte sie mir die ungeheuerliche Nachricht aufs Brot!“ Ralf und die lebenslustige Marie waren damals fünf Jahre lang ein Paar. Dann lernte sie einen anderen kennen, heiratete sogar. Aber die Beziehung lief nicht gut. Man blieb in Kontakt. Traf sich ab und an. Und als Maries Ehe dann vor zwei Jahren endgültig scheiterte, nahmen sie das Verhältnis wieder auf.

Für Marlis stürzt an diesem Tag die Welt ein. Ihr ganzes Leben ist eine Lüge! „Ich hatte nichts bemerkt. Gar nichts! Ich war nicht mal auf die Idee gekommen, auf Ralfs Handy zu sehen. Doch was sollte ich jetzt machen? Der anderen kampflos das Feld überlassen? Im Falle einer Scheidung hätte ich gar nichts mehr! Keinen Mann, kein Zuhause, kein Geld. Mit fast 50 müsste ich neu anfangen. Das wollte ich nicht.“ Ihre Angst vorm Alleinsein ist so groß, dass Marlis sich mit Ralf trifft und sich mit ihm versöhnt.

Nach gut vier Wochen zieht er wieder zu Hause ein – unter heftigem Protest der Tochter. „Ich aber hatte die ganze Zeit nur den einen Gedanken: Wenn er zurückkommt, dann liebt er mich. Nicht sie!“, sagt Marlis.

Das Paar redet seitdem mehr, geht sogar zur Therapie. „Wir machen jetzt mehr zusammen als vorher. Ein Rat unseres Therapeuten. Aber …“, Marlis gerät ins Stocken und fasst sich an den nackten Ringfinger ihrer rechten Hand, „die Gedanken in meinem Kopf kreisen unaufhörlich. Meist gebe ich der Geliebten die Schuld, dann komme ich besser damit klar. Aber irgendwann kriechen die Zweifel wieder hoch: Liebt er mich wirklich? Oder hat vielleicht sie ihn nach den gemeinsamen vier Wochen rausgeworfen?“

All das zermürbt Marlis so sehr, dass sie ihren Ehering abgelegt hat und keine Hochzeitstage mehr feiern mag. „Ich will und muss positiv denken! Ich liebe Ralf doch. Und ich hoffe so sehr, dass wir noch ein paar schöne Jahre haben. Aber ob ich ihm verzeihen kann, das weiß ich nicht …“

*Marlis möchte anonym bleiben, daher wurde ihr Name von der Redaktion geändert

Zum Weiterlesen: Hier berichtet eine Leserin über das dreiste Doppelleben ihres Mannes.