Jede Zweite betroffen: Wenn der Vater keinen Unterhalt zahlt

Jede Zweite betroffen: Wenn der Vater keinen Unterhalt zahlt

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Unterhalt
©iStock/aluxum

Die Zahlen sind schockierend: Jeder zweite getrennt lebende Vater überweist seinem Kind keinen Cent. Miriams Ex-Mann ist einer von ihnen. Sie erzählt hier ihre Geschichte.

Theoretisch stehen 88 Prozent der alleinerziehenden Frauen in Deutschland und ihren Kindern Unterhalt vom Vater zu. Aber Rechtsanspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander: Etwa die Hälfte erhält vom Ex-Partner keinen Cent – und nur jeder vierte Unterhaltspflichtige begleicht den vollständigen Betrag. Miriam ist eine von ihnen:

„An manchen Tagen fühle ich mich wirklich total hilflos und von allen im Stich gelassen“, erzählt die 32-Jährige. „“Dann weiß ich einfach nicht, wie ich es schaffen soll, mich und Nele durch den Monat zu bringen.“ Die hübsche junge Frau schüttelt den Kopf. „Ich kann ja nicht mehr tun, als arbeiten zu gehen – aber es reicht manchmal einfach hinten und vorn nicht“, erzählt die gelernte Bürokauffrau, die zurzeit als Empfangsdame in einem großen Mannheimer Unternehmen angestellt ist. Denn ihr Ex-Mann hat von Anfang entweder gar keinen oder viel zu wenig Unterhalt für seine Tochter gezahlt.

Die Oma springt ein

„Besonders schlimm war es im letzten August“, erzählt Miriam. „Da wurde Nele eingeschult. Von ihrer Lehrerin bekam ich eine Liste mit allem, was sie braucht: Stifte, Malkasten, Hefte, farbige Umschläge, Hüllen, Ordner – allein dafür waren fast 60 Euro fällig. Vom Schulranzen und der Schultüte ganz zu schweigen. Dazu kam gleich im ersten Monat ein Schulausflug, für den beim ersten Elternabend 18 Euro eingesammelt wurden.“ Miriam schweigt kurz und sagt dann leise: „Die hatte ich natürlich nicht im Portemonnaie, das war mir vor der Lehrerin wahnsinnig peinlich. Meine Mutter hat mir dann das Geld gegeben – sonst hätte Nele nicht mitfahren können.“ So wie Miriam geht es mehr als 500.000 Frauen in Deutschland, deren Ex-Männer keinen oder nur unregelmäßig Unterhalt für ihre Kinder zahlen. Jedes Jahr werden 800 Millionen Euro aus öffentlichenKassen an alleinerziehende Mütter überwiesen – weil die Väter einfach abtauchen oder vorgeben, nur teilweise oder gar nicht zahlen zu können.

„Du bekommst keinen Cent von mir!“

Das hatte Miriams Ex-Mann Michael (den Namen haben wir aus rechtlichen Gründen geändert) ihr nach der Trennung vor drei Jahren „versprochen“. „Und dieses Versprechen hat er gehalten“, sagt Miriam bitter. Ihr Mann arbeitet als selbstständiger Handwerker. „Vor unserer Trennung verdiente er im Monat durchschnittlich 3.000 Euro netto. Danach sind bei ihm die Einnahmen angeblich total eingebrochen“, erzählt Miriam. „Darum hat er in den ersten zwei Jahren gar nichts gezahlt – und jetzt nur unregelmäßig, zu wenig oder auch mal gar nicht. Und das nur, weil er mich treffen will. Das ist seine Form der Rache“, glaubt sie. „Er bestraft Nele, um mir eins auszuwischen. Das ist so billig – und auch furchtbar herzlos, denn Nele bekommt das sicher irgendwann mit und wird sich dann fragen, warum sie ihrem Papa keinen Cent wert ist. Er kümmert sich ohnehin kaum noch um sie.“

„Hätte ich bei ihm bleiben sollen?“

Diese Frage hat sich Miriam in den vergangen Jahren öfter gestellt. Nicht, weil sie glaubt, ihre Ehe wäre noch zu retten gewesen. „Aber um Neles willen. Dann müsste ich jetzt nicht jeden Cent zweimal umdrehen. Das Geld für ihre Weihnachtsgeschenke haben mir wieder mal meine Eltern gegeben – aber die sind auch nicht gerade reich.“ Miriam seufzt. „Ich habe permanent ein schlechtes Gewissen. Meinen Eltern gegenüber, weil ich sie dauernd anpumpen muss, und gegenüber meinem Kind, weil ich für jeden Zoobesuch, jeden Ausflug oder Kinonachmittag erst sparen muss.“
In den ersten Jahren erhielt Miriam Unterhaltsvorschuss. „Weil Michael überhaupt nicht zahlte, sprang das Amt ein.“ 140 Euro bekam sie für Nele (6). „Das war weniger, als Michael hätte zahlen müssen, aber es wurde regelmäßig gezahlt und ich konnte damit planen.“ Weil er sich vor knapp einem Jahr dann plötzlich als „generell zahlungswillig“ zeigte, so Miriam, hat das Amt den Unterhalt für sie eingestellt. „Aber jetzt muss ich jeden Monat meinem Ex hinterher telefonieren, ihn erinnern und ihn anbetteln, mir das Geld zu überweisen.“ Mal ist es zu wenig, mal kommt es gar nicht, mal viel zu spät. Miriam ist den Tränen nahe. „Michael genießt diese Situation richtig“, sagt sie dann und schluckt ihre Tränen herunter. „Es ist ein Machtspiel, mit dem er mir beweist, dass er mich in der Hand hat“, sagt sie. „Denn er weiß: Er sitzt am längeren Hebel!“