Tabuthema Fehlgeburt: „Jede Frage nach Kindern reißt die Wunde wieder auf“

Tabuthema Fehlgeburt: „Jede Frage nach Kindern reißt die Wunde wieder auf“

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Fehlgeburt
©iStock/monkeybusinessimages

Wie sehr eine Fehlgeburt belastet, wird oft unterschätzt. In LISA spricht Sandra L.* offen über ihre Geschichte.

Nach ihrer Hochzeit wollen Freunde und Familie von Sandra ständig wissen, wie es mit der Familienplanung aussieht. Sie ahnen nicht, dass sie gerade eine Fehlgeburt hatte…

„Dieses unsagbare Glücksgefühl, als ich nur ein paar Wochen nach unserer Hochzeitsreise den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt … Unser Wunschkind, vielleicht empfangen in der Hochzeitsnacht – das war einfach zu perfekt, um wahr zu sein.
In der elften Woche der Schock: Ich wachte mit Schmerzen im Unterleib auf, zwischen meinen Beinen Blut. Jörn fuhr mich sofort ins Krankenhaus, aber ich wusste schon vor der Diagnose: Ich hatte unser Kind verloren. Der Arzt nahm sofort eine Ausschabung vor und entließ mich. „In einer Woche können Sie wieder arbeiten“, sagte er. Damit war für ihn das Thema erledigt. Aber für mich brach eine Welt zusammen: Erst war da nur diese plötzliche Leere in mir, weinend lag ich im Bett und tastete immer wieder über den Bauch, in dem
eigentlich unser Kind wachsen sollte.

Jörn versuchte, mich zu trösten.

Er hatte gelesen, wie viele Frauen eine Fehlgeburt haben. Tröstete mich damit, dass das Kind nicht gesund gewesen wäre und ein Abgang deswegen natürlich sei. Aber ich machte mir Vorwürfe: Lag es an mir? Hatte ich zu viel Kaffee getrunken? Zu ungesund gelebt, zu viel Stress gehabt? Oder war mein Körper einfach nicht in der Lage, ein gesundes Kind zu gebären? Zwei Wochen blieb ich zu Hause, außer mit Jörn redete ich mit niemandem. Ich war froh, dass er so verständnisvoll war. Aber das Leben musste weitergehen und so ging ich wieder zur Arbeit.

Ich wollte damit abschließen.

Aber mein Umfeld machte es mir nicht leicht. „Na, Schwangerschaftsgelüste?“, fragte meine Kollegin, als ich mir in der Mittagspause nach dem Essen noch einen Schokomuffin gönnte. Als Antwort brachte ich nur ein halbherziges Grinsen zustande. Und da war wieder das Gefühl der Leere und des Versagens. Als meine Schwester mit ihren Kids zu Besuch kam, sagte sie: „Wann fangt ihr denn mit der Familienplanung an? Lass dir bloß nicht zu lange Zeit damit.“ Ich reagierte schnippisch: „Du wirst es rechtzeitig erfahren.“
Meine Mutter fragte zwar nie direkt, aber mir fiel auf, wie sie verstohlen auf meinen Bauch sah. Und jedes Mal, wenn das Thema Familienplanung im Freundeskreis zur Sprache kam, riss die Wunde wieder auf.

Sollten wir es noch einmal versuchen?

Vielleicht half eine neue Schwangerschaft, das Ende der alten zu vergessen? Drei Monate nach der Fehlgeburt fragte ich meine Frauen­ärztin, wie lange man bis zu einer neuen Schwangerschaft warten sollte. „Bis Kopf und Herz so weit sind“, sagte sie und schaute mich eindringlich an. „Manchen hilft es, mit anderen Betroffenen zu reden, anderen, sich richtig von dem Kind zu verabschieden.“
Als ich nach Hause kam, kochte ich mir eine Tasse Tee. Damit setzte ich mich an den Tisch und nahm ein Blatt schönes Briefpapier. Dann begann ich zu schreiben: „Mein geliebtes Sternenkind …“

Sandra L.* (29), Stuttgart, Name von der Redaktion geändert