„Mit meinen Reborn-Puppen halte ich den Baby-Zauber für immer fest“

„Mit meinen Reborn-Puppen halte ich den Baby-Zauber für immer fest“

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Reborn-Puppen
©privat

Sabine B. hat zwei große Söhne – und sechs Babys aus Kunststoff. Sie füttert und wickelt die sogenannten Reborn-Puppen und geht sogar mit ihnen spazieren. Mit uns hat sie über ihre außergewöhnliche Leidenschaft gesprochen.

Reborn-Puppen
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Friedlich liegt das Baby in den Armen von Sabine B. (51). Es hat die Augen geschlossen und scheint tief
und fest zu schlummern. Liebevoll streichelt sie ihm über die rosigen Wangen und stützt mit der anderen Hand vorsichtig das Köpfchen. „Sein Name ist Jonah“, sagt die Marketing-Mitarbeiterin aus der Nähe von Basel in der Schweiz.

Man muss wirklich zweimal hinschauen, um zu erkennen: Der kleine Jonah ist nicht aus Fleisch und Blut – sondern eine Puppe aus Vinyl.

Außergewöhnliches Hobby

„Puppen haben mich schon als kleines Mädchen fasziniert“, erzählt Sabine. „Aber sie waren mir einfach nicht echt genug.“ Stattdessen zog sie damals lieber ihren Teddybären um. Sabine ist bereits 37 und zweifache Mutter, als sie in einer Zeitschrift etwas über sogenannte „Reborn Babys“, Spielpuppen für Erwachsene (s. unten), liest. „Ich war sofort fasziniert“, erinnert sie sich und bestellt sich sofort eine Puppe über die Online-Plattform eBay. „Mein jüngster Sohn Julien*, heute ist er 16, war damals gerade ein Jahr alt. Ich hatte noch reichlich Kinderkleidung, Babywippe und einen Stubenwagen für meinen kleinen Familienzuwachs.“
In ihrer 3,5-Zimmer-Wohnung richtet sie für ihre Puppe extra einen eigenen Bereich ein. „Ich habe jede einzelne Sekunde mit meinen Jungs genossen. Doch diese Puppe, die sich so lebensecht anfühlte, faszinierte mich so sehr, dass ich sie automatisch wie ein echtes Baby behandelte.“

Wunsch nach mehr

Reborn-Puppen
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Sabine adoptiert – wie es in der Welt der „Reborn Babys“ heißt – im Lauf der Zeit fünf weitere Babypuppen, die Kindern im Alter zwischen einer Woche und zwei Jahren nachempfunden sind. „Wenn ich sie im Internet sehe, muss es Liebe auf den ersten Blick sein“, gesteht sie. „Aber mein Lieblings-Reborn ist Jonah, der erst letzten November zu mir kam.“ Sabine genießt es, die Babys mit Milchfläschchen zu füttern und anschließend zu wickeln. Sie kuschelt mit ihnen und badet sie. Manchmal täglich. „Es gibt aber auch Tage, an denen ich keine Zeit habe.Da liegen sie einfach bloß in ihren Bettchen“, so Sabine schmunzelnd. Sie geht mit ihren Puppen ab und zu auch nach draußen im Park spazieren. „Meist fällt keinem auf, dass da gar kein echtes Baby im Kinderwagen liegt“, erzählt sie.

Ihre beiden Söhne Julien und Clark* (20) und auch ihre Freunde haben sich an Sabines außergewöhnliche Leidenschaft gewöhnt. „Freunde bringen mir heute keine Blumen, sondern kleine Geschenke für die Babys mit.“

Im April 2015 beginnt die 51-Jährige mit „Sabine’s Nursery“ auf YouTube Videos aus ihrem Leben mit den „Reborn Babys“ zu veröffentlichen – und ist überrascht, auf wie viele Gleichgesinnte sie virtuell trifft. Doch je mehr Frauen ihre Herzen an diese täuschend echten Puppen verlieren, desto mehr Menschen reagieren
auch mit Unverständnis und Ablehnung. „Ich möchte mich dafür einsetzen, dass wir uns mit diesem Hobby
nicht verstecken müssen“, so Sabine. „Denn für mich ist es das größte Geschenk, mit den ,Reborn Puppen‘ den Babyzauber einfach noch ein wenig festzuhalten.“

*Namen von der Redaktion geändert

Infos und Fakten

Baby-Träume aus Silikon und Vinyl

„Reborn“ stammt aus dem Englischen und bedeutet „wiedergeboren“. Der Trend geht auf die Pionierin der „Reborn“-Szene, Joyce Moreno, zurück. Sie hat in den 80er-Jahren alte Spielpuppen komplett neu gestaltet.

Heute werden die Puppen von sogenannten Reborn-Künstlerinnen meist aus Vinyl-Bausätzen bzw. Körper-Sets aus Köpfchen, Beinen und Armen zusammengefügt. Anschließend werden sie gestaltet: schlafend oder wach, hell- oder dunkelhäutig, mit Storchenbiss oder Nabelschnur – und auch nach Vorlage echter Babys. Ihre Haut fühlt sich dank des speziellen Silikonmaterials täuschend echt an und die Puppen riechen durch spezielle Duftöle sogar nach Baby. Deutschland ist mit rund 500 solcher Reborn Künstlerinnen nach den USA und England der drittgrößte Markt für „Reborn Babys“. Eine fertige Vinyl-Puppe kostet 200 bis 800 Euro.

Gefährliche Muttergefühle

Ein Großteil der Käufer sind Sammlerinnen, die Freude an diesen detailgenauen Puppen haben. Aber auch Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch oder solche, die ein Kind verloren haben, leben mit „Reborn Babys“ ihre mütterlichen Gefühle aus. Einige Psychologen nutzen sie gezielt zu therapeutischen Zwecken oder als
Babysimulator für Teenager. Sie warnen aber auch: Wer eine zu enge Bindung zu den Puppen aufbaut, läuft Gefahr, sich in einer Scheinwelt zu verliere .

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