„Als Schwangere und Mutter hat man es in Schweden leichter!“

„Als Schwangere und Mutter hat man es in Schweden leichter!“

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Schweden, Anna Zakrisson
Anna Zakrisson (35) ist gebürtige Schwedin ©Janina Wagner

Seit 2012 lebt Anna Zakrisson mit ihrer Tochter in Berlin. Doch es gibt einiges, was sie an ihrer Heimat Schweden schätzt und vermisst – vor allem was das Thema Familie betrifft. Ein Ländervergleich.

„Jetzt schmeißen sie mich raus“, dachte Anna, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Erst drei Wochen zuvor hatte sie ihre neue Arbeitsstelle angetreten. Doch ihre Sorgen waren unbegründet. Ihr Chef beglückwünschte sie herzlich. Kurz bevor sie in Mutterschutz ging, bekam sie sogar eine Gehaltserhöhung. Unvorstellbar? In Deutschland vielleicht. Doch all das passierte in Anna Zakrissons Heimat. In Schweden.

Inzwischen ist Luzie sieben Jahre alt. Vor vier Jahren ist die Familie von Stockholm nach Berlin-Kreuzberg gezogen. „Mein Mann Ben ist Deutscher und kann als Drehbuchautor hier leichter berufliche Kontakte knüpfen“, erklärt die gebürtige Schwedin. Als sie Ben 2004 in Köln kennenlernte, machte sie gerade ihr Diplom als Biologin beim Max-Planck-Institut. Drei Jahre später ging er mit ihr nach Schweden. An ein Kind dachten sie nicht. „Ich habe Endometriose. Meine Ärztin sagte, dass ich nicht schwanger werden könnte.“ Doch es kam anders.

„Was wird mein Chef sagen? Werde ich meinen Job verlieren?“

Anna bekam Panik. Doch ohne Grund: „Mein Chef unterstützte mich total. Ich bekam sogar mehr Geld.“ In Deutschland ist das kaum denkbar – in Schweden aber leicht zu erklären: Das schwedische Elterngeld, was das Mutterschaftsgeld beinhaltet, wird komplett vom Staat finanziert. In Deutschland trägt dagegen der Arbeitgeber den größten Teil der Lohnfortzahlung während des Mutterschutzes. „In Schweden ist eine Schwangerschaft arbeitgeberfreundlicher. Frauen werden daher auch nicht benachteiligt“, sagt die 35-Jährige. Die Zahlen sprechen für sich: 36 Prozent der Führungspositionen sind von Frauen besetzt, in Deutschland sind es nur 29 Prozent.

„Zum Glück bekam ich mein Kind in Schweden!“

Die Gleichstellung von Mann und Frau spiegelt sich auch bei der Kindererziehung wider. Von 480 Tagen Elternzeit müssen 60 Tage vom Mann und 60 Tage von der Frau genommen werden, die restlichen zwölf Monate können sich die Eltern frei aufteilen – bis zum achten Lebensjahr des Kindes. „In Schweden hat man auch das Anrecht, seine Arbeitszeit auf 75 Prozent zu kürzen“, erklärt Anna, die heute in der Berliner Charité arbeitet und nebenbei leidenschaftlich über Wissenschaft bloggt. „Bei den meisten Arbeitsplätzen gilt zudem, dass vor 10 Uhr und nach 15 Uhr keine Meetings vereinbart werden dürfen.“ Berufstätige Eltern können so ihren Tag mit Kind flexibler gestalten.

„Ich kenne keine einzige Hausfrau in Schweden.“

Spätestens anderthalb Jahre nach der Geburt gehen die Schwedinnen wieder arbeiten – die Kinder kommen in die Kita. Ein freier Platz ist gesichert. Zwar gibt es auch in Deutschland seit dem 1. August 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr, trotzdem bleiben viele Eltern bei der Suche erfolglos.

Bevor Luzie in die Grundschule kam, ging sie in einen deutsch-schwedischen Kindergarten in Wilmersdorf, der sich am schwedischen Modell orientiert: In der „Förskola“ (Vorschule) gibt es einen pädagogischen Lehrplan. 60 Prozent der Kindergärtner/-innen haben einen Hochschulabschluss. Nach der „Förskola“ gehen alle Kinder bis zur neunten Klasse in die Grundschule. Noten gibt es erst ab der siebten Klasse. „Man kann doch vorher nicht sagen, wie klug ein Kind ist. In Deutschland werden sie zu früh eingeteilt“, sagt Anna. Luzie geht nun in die zweite Klasse – in einer deutschen Schule. „Hier herrscht mehr Ordnung und Struktur. Eine Mischung aus schwedischer und deutscher Schule wäre genial!“

Familie und doppelte Berufstätigkeit – die Schweden bekommen es hin

Mit 1,91 Kindern pro Frau ist die Geburtenziffer deutlich höher als die deutsche mit 1,38. Anna möchte trotzdem nicht mehr zurück in ihre Heimat. „Die Schweden sind so ängstlich. Mich würde es nicht wundern, wenn es bald eine Helmpflicht im Auto gibt.“ In Deutschland fühlt sie sich wohl, liebt die vielen kulturellen Einflüsse. „Doch das Allerbeste hier sind die Rosinenbrötchen. Die wollte ich nicht mehr missen.“