Lesergeschichte: Ein unvergessliches Weihnachtsfest

Lesergeschichte: Ein unvergessliches Weihnachtsfest

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Frau mit Baby am Weihnachtsfest
© iStock/Linda Kloosterhof

Ein ungeplantes Baby – in dem Alter? Für Ilkes Mutter war das zu viel, sie wollte ihre Tochter nicht mehr sehen! Doch an Heiligabend klingelte Ilke einfach an ihrer Haustüre… Eine wahre Geschichte.

In der Vorweihnachtszeit 1988 war an besinnliche Stimmung und die Vorbereitung auf ein unvergessliches Fest wenig zu denken. Zuviel hatte sich in diesem Jahr in meinem Leben verändert. Ich lebte mittlerweile 600 Kilometer entfernt von meinem Heimatdorf in Berlin. Seit 21 Jahren würde dies das erste Mal sein, dass ich das Weihnachtsfest nicht zu Hause bei meiner Familie verbringe. Das lag nicht an mangelnder Reisebereitschaft oder finanziellen Engpässen, mit denen ich als junge Studierende oft zu kämpfen hatte, sondern an meinem Kind, welches bald zur Welt kommen sollte.

Es war ein denkbar schlechtes Jahr für ein Kind

Ich war doch noch am Beginn meiner Ausbildung, führte einen recht unsteten Lebenswandel und wohnte in für ein Kind doch sehr grenzwertigen Umständen bei Punks aus ganz Deutschland. Trotzdem entschied ich mich für meinen Sohn. Die beste Entscheidung meines Lebens. Außer meiner Schwester, welche mir Kraft gab, war jeder entsetzt. Meine Mutter verbot mir sofort, noch einmal heimzukommen.
Überraschend fand ich da Halt, wo ich es nicht vermutete: in der Schule und in der WG. Mein Klassenlehrer erwirkte, dass ich Klausuren im Krankenhaus schreiben durfte. Die Punks standen mir mit Rat und Tat zur Seite und meine Freundin war immer für mich da, obwohl sie selbst Probleme hatte. Und so wurde am 24. November 1988 mein Sohn Christopher geboren. Das süße Baby entschädigte mich für alle Ängste und Zweifel und tröstete mich darüber, am Weihnachtsfest nicht heim zu dürfen.

Trotzdem stellte sich bei mir kein Weihnachtsgefühl ein

Allein saß ich in meinem Zimmer, schaute „Ist das Leben nicht schön?“ und war traurig. Der Weihnachtsstern leuchtete in mein Zimmer. Das Telefon klingelte. Meine Schwester war dran und eröffnete mir, dass sie morgen kommen würde. Und ich soll mich fertig machen, denn wir fliegen sofort nach Hause. Der Weihnachtsstern wurde heller.
Nie werde ich den Moment vergessen, als ich abends in meinem Dorf im tiefen Schnee vorm Haus meiner Mutter stand, mein Christkindchen im Arm und mich trauen musste, zu klingeln. Ich schaute zu meinem Stern und wusste, dass kein Weg mehr zurück führte. Ich klingelte. Und hörte Mamas vertrauten Gang auf dem Flur, dann öffnete sie die Tür. „Frohe Weihnachten“, sagte ich bittend…

Mein Weihnachtsfest wurde unvergesslich

Meine Mutter liebte Chris auf den ersten Blick. Sie verließ uns kurz nach seiner Konfirmation, doch bis dahin gab es keinen Tag, an dem sie nicht nach ihm fragte. Heute, 27 Jahre später, lebe ich wieder in meinem kleinen Dorf, habe Familie, bin zurück zu meinen Wurzeln. Christopher hat inzwischen selbst Familie, eine liebe Frau und eine reizende Tochter.
Alles wurde gut. Doch immer, wenn ich an Weihnachten in den Himmel schaue und den Weihnachtsstern erblicke, muss ich an die junge Frau denken, die mit dem Baby im Schnee stand – voller Angst vor dem, was kommt. Mit dem schönsten Geschenk im Arm. Chris. Und auf welche ein unvergessliches Fest wartete.

Leser-Autorin
Leser-Autorin
@ Privat

Ilke M. (48) aus Flomborn (Rheinland-Pfalz) ist Familienmutter von vier Kindern und Leiterin eines Kindergartens. Die Geschichte ist genauso passiert. Ihr 27-jähriger Sohn Chris ist inzwischen verheiratet und hat eine Tochter.

Was sind deine Hobbys? „Musik und Theater. Ich singe und texte in einer Kapelle, welche sich den Liedern der Zwanziger bis Vierziger Jahre gewidmet hat, und leite eine Theatergruppe.“

Wie kamst du zum Schreiben? Seit ich schreiben kann, schreibe ich hauptsächlich Lieder und Theaterstücke. Vor allem kann ich dies in meinem Beruf ausleben. Mit dem Schreiben und der Musik habe ich viel geschenkt bekommen. Ich kann anderen damit Freude bereiten, was mir am wichtigsten ist. Manchmal werde ich gefragt, ob ich Angst habe, dass mir die Ideen ausgehen. Das habe ich nicht. Ich habe nur Angst, dass mir die Zeit ausgeht, alles umzusetzen.“

Noch mehr Lesergeschichten findet ihr in unserem Schreibwerkstatt-Archiv.

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