Lesergeschichte: „So lernte ich meinen Schutzengel kennen“

Lesergeschichte: „So lernte ich meinen Schutzengel kennen“

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Leserin Meike und ihr Schutzengel
Das erste Foto: Meike und ihr Schutzengel im August 1974 © Privat

Seit 41 Jahren hat LISA-Leserin Meike B. (53) einen Schutzengel an ihrer Seite. Wie es zur ersten Begegnung kam, erzählt sie uns hier.

Einige Wochen nach meinem zwölften Geburtstag im Jahr 1974 war ich in die Gruppe der Vorkonfirmanden aufgenommen worden. In einem Sommerzeltlager im hessischen Reinhardswald sollten wir uns alle besser kennenlernen. So richtig Lust hatte ich nicht. Ich litt immer sehr unter Heimweh. Aber ich musste mit. Schlechte Laune war da natürlich vorprogrammiert!

Das Wetter war auch nicht auf unserer Seite

Es regnete in Strömen und ich hatte zwei riesige Löcher in meinem kleinen Zelt. Vorn und hinten! Das Wasser floss quer durch. Luftmatratzen, Schlafsäcke und unser Gepäck mit den sauberen, eigentlich trockenen Sachen schwammen komplett – alles war triefend nass! Wir nutzten Leinen in Gemeinschaftszelten zum Trocknen der Schlafsäcke, aber bei anhaltendem Regen blieb das ohne Erfolg. Vom nahegelegenen Ort rief ich zu Hause an: „Alles Mist hier, nur Regen: ICH WILL HIER WEG!!!“

Die Veranstalter hatten derweil eine Rallye vorbereitet. Heimweh und Lustlosigkeit überwogen bei mir. Doch dann stand plötzlich ein fast 16-jähriger Teamer neben mir. Im Gespräch stellten Martin und ich fest, dass sein älterer Bruder und mein Vater im gleichen Verein waren. Während der Rallye blieb er an meiner Seite. Später im Lager brachte er mir zwei große Lappen aus dem Küchenzelt, womit wir die Löcher in der Zeltplane verstopften. Dann lieh er mir noch seine große grüne Wolldecke.

In der nächsten Nacht gab es ein heftiges Gewitter mit Wolkenbruch. Mein persönlicher Aufpasser hockte bei strömenden Regen vor meinem Zelt und hatte ein Auge auf mich, während ich mich in seine Decke kuschelte. Das blieb den anderen nicht verborgen und sie hänselten uns sehr – was Martin aber nicht störte.

Am nächsten Sonntag war Besuchstag der Eltern

Meine Mutter wollte mich wieder mit nach Hause nehmen, schließlich hatte ich am Telefon so verzweifelt geklungen. Nur: Das Kind wollte plötzlich nicht mehr und fand auf einmal alles toll und super. Nichts half. Die meisten Konfirmanden verließen das Zeltlager und meine Mutter ging inmitten der Karawane. Den langen Wiesenweg zur Straße drehte sie sich gefühlte 50-mal um. Doch ich kam nicht nach. Mein Betreuer freute sich über meine Entscheidung – und ich bekam meinen ersten Kuss, der nicht von Eltern oder Geschwistern stammte…

Einige Tage später standen wir mit gepackten Koffern am Abholplatz und warteten auf die Busse. Mein Schutzengel nahm meine Hand und übergab seine Kamera einem Umstehenden, um ein Foto von uns machen zu lassen. Auf der Rücktour – wir saßen natürlich nebeneinander – verabredeten wir ein Wiedersehen im Heimatort bei einer Fahrradtour.

Seither ist mein Schutzengel Teil meines Lebens

Nach knapp vier Jahren verlobten wir uns mit dem Einverständnis der Familien. 1980 heirateten wir und bekamen nach meiner Berufsausbildung bis 1990 drei Kinder. Mein Schutzengel ist noch immer an meiner Seite. Im zurückliegenden Jahr hatte er wieder alle Hände voll zu tun mit mir, aber das ist eine andere Geschichte.

Die große grüne Wolldecke gibt es übrigens immer noch. Im letzten Jahr krabbelte unser erstes Enkelkind im Garten darauf herum.

Leser-Autorin
Leserin Meike B.
© Privat

Meike B. (53) aus Verden (Niedersachsen) ist seit 35 Jahren verheiratet, hat drei Kinder, Schwiegerkinder und ein Enkelkind.

Wie kamst du zum Schreiben?  „Ich schreibe schon ewig Briefe und Karten. Ich selbst bekomme gern Post und denke, in der heutigen Zeit freuen sich andere auch darüber – es müssen ja nicht nur Rechnungen und Werbeprospekte im Briefkasten landen.“

Was sind deine Hobbys? „Ich mag lange Spaziergänge mit meinem Hund, aber im Augenblick liegt mein Fokus eher auf Lesen und Stricken, wovon meine Enkelin besonders profitiert.“

Noch mehr Lesergeschichten findet ihr in unserem Schreibwerkstatt-Archiv.