Lesen lernen – mein Neustart mit 30!

Lesen lernen – mein Neustart mit 30!

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Peggy lernt lesen
Zeitschriften sind Peggys neues Hobby © M.I.G./LISA/Andrea Katheder

30 Jahre alt, zweifache Mutter und ein schier unüberwindbares Problem – Peggy G. aus Berlin hat in ihrer Schulzeit einiges verpasst. Ihr Plan für den Neustart: richtig lesen lernen!

Inzwischen ist Peggy 32 Jahre alt und drückt seit zwei Jahren wieder die Schulbank. Mit Erfolg. Sie macht so gute Fortschritte, dass sie den Mut gefasst hat, sich mit Redakteurin Adina zum Interview zu treffen. Lest selbst.

@M.I.G./LISA/Andrea Katheder
Redaktuerin Adina trifft Peggy in Berlin © M.I.G./LISA/Andrea Katheder

Peggy hat sich mit uns im Grundbildungszentrum Berlin verabredet, eine ihrer wichtigsten Anlaufstellen, wenn es ums Lernen geht. Hier bekommen ganz verschiedenen Menschen Beratung und werden z.B. an für sie passende Kurse vermittelt – Kurse zum Lesen, Rechnen, Schreiben lernen oder wie man einen Computer bedient.

Ängste und Peinlichkeiten

Die zweifache Mutter kommt zu spät zum Termin. Für uns kein Problem, doch ihr ist es unfassbar peinlich. Am Tag vor dem Interview ist sie die Strecke von zu Hause zum Treffpunkt extra abgefahren. Nichts sollte schief gehen. Und dann das: Die S-Bahn fährt nicht wie gewohnt. Peggy muss auf die U-Bahn ausweichen und wird nervös… Wer sich jetzt fragt, wo das Problem liegt, der hat Peggy eines voraus: Er kann lesen, z. B. auch die Anzeigetafeln am Bahnhof. Peggy aber lernt erst seit zwei Jahren richtig lesen und schreiben. Sie ist sehr gut und – was vielleicht das Wichtigste ist – sie schöpft täglich neue Kraft daraus. Aber es gibt Momente, in denen sich die Berlinerin unsicher fühlt. Und doch gibt sie niemals auf. Auch diesmal hat sie wieder eine doofe Situation ganz allein gemeistert!

Wie schafft man die Schule, ohne lesen zu lernen?

In der ersten Klasse fehlt die kleine Peggy oft. Eine Operation an den Ohren reißt sie aus dem Schulalltag. Jemanden, der ihr die Hausaufgaben bringt, gibt es nicht. Als Peggy zurück in ihre Klasse kommt, hat sie den Anschluss verpasst. Von nun an mogelt sich das Mädchen bis zur vierten Klasse durch. Zu Hause ist sie das dritte von sieben Kindern. Der Stiefvater trinkt, die Mutter ist überfordert. „Sie konnte nicht jedem Kind gerecht werden. Ich musste viele Arbeiten verrichten, die Geschwister versorgen … Da war nie viel Zeit fur mich.“

Und doch investiert Peggy viel Zeit ins Vertuschen: Sie lässt sich Texte so lange vorlesen, bis sie diese auswendig aufsagen kann. Sie schreibt so ordentlich aus Büchern ab, dass ihre Noten für Schönschrift ihre Schwäche überdecken. Doch dann gibt es kein Mogeln mehr! Peggy bleibt in der vierten Klasse sitzen. Sie muss mit ihrer Mama zu einem Test – eine Lese- und Rechtschreibschwäche wird diagnostiziert. Das Mädchen bekommt von nun an leichtere Aufgaben – und größere Probleme. Die anderen Kinder sind eifersüchtig. Peggy schämt sich: „Da gab es zwei Mädchen, die mich auf böse Art beleidigt haben. Irgendwann konnte ich nicht mehr! Und es kam auch zu körperlichen Auseinandersetzungen. Aber danach hatte ich meine Ruhe …“

Peggy zieht sich zurück, sitzt still in der letzten Bank, wird Weltmeisterin darin, Spickzettel vorzubereiten. Und so geschieht das, was viele nicht glauben können: Peggy macht tatsächlich ihren Hauptschulabschluss, ohne ausreichend lesen und schreiben zu können!

Plan B fürs Leben – und der geht schief

Nach der Schule bekommt der sympathische Teenager sofort ein Praktikum und einen Ausbildungsplatz als Hotelfachfrau angeboten. Die Arbeit mit Menschen ist genau ihr Ding. Ihr Arbeitgeber weiß nichts von ihrem „Problem“. Peggy schwänzt die Berufsschule: „Das war mir so unangenehm! Ich dachte, ich gehöre hier nicht her. Die anderen sind alle viel höher qualifiziert.“ Sie bekommt Ärger, fliegt hochkant raus. Da es mit der Ausbildung nicht klappt, überlegt Peggy sich, eine Familie zu gründen.

Mit 19 kommt ihre erste Tochter auf die Welt. Doch auch Plan B funktioniert nicht: Peggys Freund lässt sie noch während der Schwangerschaft sitzen. Jetzt steht die junge Mutter allein da. Ohne abgeschlossene Lehre, ohne ausreichende Bildung, dafür mit einem weinenden Baby. Doch Peggy hat genug davon, sich alleine durchzuschlagen. „Ich habe mir Hilfe gesucht, z. B. beim Jugendamt. Es ging nicht anders!“

Endlich ist auch ihre Mutter für sie da, nur sie und eine Freundin wissen von ihrem Defizit. Gegenüber allen anderen ist Peggy sehr reserviert. Wenn man die offene, positive Berlinerin heute trifft, kann man es kaum glauben. Aber sie sagt: „Ich war im Freundeskreis sehr zurückhaltend. Wenn die anderen von ihren Berufen erzählten, habe ich mich immer so klein gefühlt. Ich wusste, das könnte ich nie!“

„Alle sollen wissen, dass es sich lohnt…“

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Peggy genießt ihre neu gewonnene Freiheit © M.I.G./LISA/Andrea Katheder

Peggy ist gehemmt, im Supermarkt traut sie sich nie, Dinge zu kaufen, die sie nicht kennt. Etwas auf dem Etikett lesen – unmöglich! Am liebsten bleibt sie zu Hause. Dann bekommt ihre Tochter (heute 12) Probleme in der Schule. „Das durfte nicht sein!“ Zu diesem Zeitpunkt besucht eine Familienpflegerin Peggy. Sie drängt darauf, dass die inzwischen zweifache Mutter noch einmal die Schulbank drückt. Und die damals 30-Jährige stimmt zu – aus Liebe zu ihren Kindern!

Sie stellt sich ihrer größten Angst: „Der erste Tag an der Schule war Wahnsinn. Bis zu diesem Tag hatte ich immer das Gefühl, ich bin ganz allein. Und da bin ich aufgeblüht, hatte keine Hemmungen mehr.“ Zeitgleich vermittelt das Arbeitsamt Peggy eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Diesmal ist der Arbeitgeber eingeweiht. Und Peggy wuppt Kinder und Job mit Bravour! Auch ihr neuer Partner unterstützt die junge Mutter. Er akzeptiert seine Freundin, wie sie ist. Hilft ihr und macht ihr Mut. Peggy führt plötzlich ein ganz neues Leben. Sie weiß sich zu helfen und will anderen helfen: „Ich hätte mir gewünscht, dass mich früher jemand aufgeklärt hätte. Alle sollen wissen, dass es sich lohnt, noch einmal lesen und schreiben zu lernen!“

 

Infos rund um Analphabetismus
Analphabeten sind nicht gleich Analphabeten! Menschen, die wie Peggy einzelne Buchstaben erkennen und leichte Worte entziffern können, sind funktionale Analphabeten. Sie können sehr wohl eine Schule besucht haben oder üben einen Beruf aus. Menschen, die weder schreiben noch lesen können und beides nie gelernt haben, werden als primäre Analphabeten bezeichnet. Menschen, die lesen aber nicht schreiben können, sind Semi-Analphabeten.

Weltweit gelten ca. 900 Mio. Menschen (Zahl von 2003) als Analphabeten – ihre Zahl ist in Entwicklungs- und Schwellenländern höher als in Industriestaaten. Dr. Theresa Hamilton vom Grundbildungszentrum Berlin sagte gegenüber LISA: „Seit der leo.-Studie 2011 wissen wir, dass hierzulande 7,5 Mio. Menschen funktionale Analphabeten sind! Etwa 60% sind Männer, 40% Frauen. In den 7,5 Mio. sind übrigens nur die Menschen berücksichtigt, die ausreichend Deutsch sprechen. Das ist kein Migrations- oder Flüchtlingsproblem!“

Betroffene bekommen u.a. Hilfe beim Grundbildungszentrum Berlin (Tel.: 030/25563311). Überregional helfen zudem die örtlichen Volkshochschulen, die entsprechende Kurse anbieten, oder auch das ALFA-Telefon: 0800/53334455.