„Ich trug mein Leben in einem Rucksack mit mir herum“

„Ich trug mein Leben in einem Rucksack mit mir herum“

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Zug
©Gaby Gerster

Studentin Leonie Müller (26) tauschte ihre Wohnung gegen eine BahnCard 100 ein und pendelte anderthalb Jahre mit dem Zug quer durch Deutschland.

Warum Miete zahlen, wenn man sowieso kaum zu Hause ist? Das dachte sich auch Leonie Müller und kündigte 2015 nach Reibereien mit ihrer Vermieterin ihre Wohnung in Stuttgart. „Ich bin schon immer gerne gereist und habe auch einige Monate eine Weltreise gemacht.“ Deswegen waren auch Freunde und Familie nicht verwundert, als die damalige Studentin der Medien- und Kommunikationswissenschaft verkündete von nun an ohne Wohnung zu leben – und zwischen Schlafplätzen bei Freunden und Familie zu pendeln.

Aufbruch ins Ungewisse

Die Möbel ihrer kleinen 1-Zimmer-Wohnung verschenkte Leonie zum großen Teil oder lagerte sie im Keller ihrer Familie. Von da an trug die Studentin ihr Leben in einem 40-Liter-Rucksack mit sich herum. Kleidung, hauptsächlich in ihrer Lieblingsfarbe Dunkelblau, ihren Laptop für die Uni sowie Kopfhörer waren immer mit dabei. So alltäglich die Gegenstände in ihrer Tasche auch waren, einen richtigen Alltag hatte Leonie nicht mehr. Sie pendelte zwischen ihrem Studienort Tübingen, der Wohnung ihres damaligen Partners in Köln und verschiedenen Übernachtungsmöglichkeiten bei Freunden und Familie: „Meine Schlafplätze waren über ganz Deutschland verteilt – von Hamburg bis zum Bodensee.“

Perspektivwechsel

Bei diesem Extrem-Pendeln legte sie in der Woche bis zu 3000 Kilometer mit dem Zug zurück. Viele Stunden, um über sich selbst und das Leben nachzudenken: „Es fängt damit an, dass man sich fragt, was man wirklich braucht. Nicht alles passt in den Rucksack“, sagt Leonie.

Zug
©Fischer Verlag

Kleine Abenteuer

Auf ihren weiten Wegen wählte die gebürtige Bielefelderin bewusst Strecken, die sie sonst nie gefahren wäre. Leonie stieg an Orten aus, die ihr bisher fremd waren. Ein Zwischenhalt für eine Ausstellung in Bonn, einen Kaffee trinken in Mainz und ein Spaziergang an der Alster. All das war nun nur eine Zugfahrt entfernt.

Abenteuer, wie den Zipfelpass zu erhalten. Zipfelpass? Die vier äußersten Gemeinden der Republik: List auf Sylt, Görlitz an der Grenze zu Polen, Oberstdorf bei Österreich und Selfkant in der Nähe der Niederlande haben sich 1999 zum Zipfelbund zusammengeschlossen. Wer innerhalb von vier Jahren an allen vier Orten eine Nacht verbringt und sich dafür einem Stempel in den Zipfelpass geben lässt, bekommt ein Geschenk mit ortstypischen Dingen der Gemeinden. Unter den rund 500 Besitzern des vollständig abgestempelten Zipfelpasses befindet sich mittlerweile auch Leonie.

Heimweh?

Die Frage nach Heimweh kriegt bei ihr eine ganz neue Bedeutung: „Für mich war der Zug in dieser Zeit mein Zuhause“, erklärt Leonie. Die Sehnsucht nach einer eigenen Wohnung sei nie da gewesen. In ihrem fahrbaren Zuhause machte sie es sich mit Decke und Kopfhörern bequem. Auch das Lernen und Arbeiten im Zug sei für sie kein Problem gewesen. Nur eins blieb während der langen Fahrten auf der Strecke: der Schlaf.

„Im Zug auch zu übernachten war keine wirkliche Option“, erklärt Leonie. Es sei zu ungemütlich und zu laut. Lieber fuhr sie zwischen ihren verschiedenen Schlafplätzen bei Oma, Eltern und Freunden hin und her. „Dadurch habe ich auch Freunde, die ich sonst nur zwei-, dreimal im Jahr gesehen hätte, viel öfter besuchen können.“ Auch spontane Verabredungen auf einen Kaffee kamen häufiger vor. Und ab und zu gab es solche Wiedersehen auch in ihrem Wohnzimmer auf Schienen. „Manchmal habe ich Bekannte im Zug getroffen“, lacht sie. „Ich liebe solche spontanen Begegnungen.“

So sehr Leonie das Leben im Zug genoss, mittlerweile hat sie wieder ein festes WG-Zimmer in Köln. Bis zum Herbst begleitet sie jedoch noch ihre BahnCard und wer weiß, vielleicht triffst auch du durch Zufall Deutschlands bekannteste Pendlerin auf einer ihrer vielen Zugfahrten. Oder ihr lest mehr von Leonies Erfahrung in ihrem Buch*.

Zum Weiterlesen:

Wer im Zug lebt, erspart sich diese Arten von Nachbarn.

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