Keinen Sex mehr: „Er hat sich einfach davongeschlichen“

Keinen Sex mehr: „Er hat sich einfach davongeschlichen“

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©iStock/gpointstudio

Hanna und Uwe sind seit zwölf Jahren verheiratet. Sie lieben sich, hatten aber seit fast einem Jahr keinen Sex mehr. Warum? Darüber haben sie mit uns gesprochen.

Hanna: „Ich spüre, dass er mich nicht mehr begehrt – und das tut weh“

Sex ist wie Radfahren, das verlernt man nicht. Heißt es jedenfalls. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Zumindest bei Uwe und mir – denn wir scheinen tatsächlich verlernt zu haben, wie man Sex hat. Seit fast zwölf Monaten hatten wir keinen Sex mehr. Samstag war immer unser Tag. Da treffen wir uns mit Freunden, gehen ins Kino oder sitzen gemeinsam vor dem Fernseher. Und danach haben wir miteinander geschlafen. So war das jedenfalls in den letzten Jahren. Bis Uwe plötzlich keine Lust mehr hatte. Auf mich, auf uns, auf den Sex mit mir. Kein schönes Gefühl, wenn man feststellt: Dein Mann steht nicht mehr auf dich.

Ich erinnere mich noch, wie „es“ anfing: Wir lagen samstagabends auf der Couch, schauten fern und ich begann seinen Oberschenkel zu streicheln. Da hielt er meine Hand fest, gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte, er sei sehr müde und ginge schon mal ins Bett. „Du willst den Film bestimmt zu Ende schauen.“ Der Film interessierte mich eigentlich nicht besonders, aber mir war klar, dass Uwe allein sein wollte. Seltsam, dachte ich, irgendetwas stimmt nicht mit ihm.

Auch danach wehrte er jede körperliche Annäherung ab und entzog sich mir. Mehrere Wochen ging das so, dann zog ich mich ebenfalls zurück, weil ich es nicht mehr ertrug, immer wieder zurückgestoßen zu werden. Aus Wochen wurden Monate und meine Enttäuschung hat sich in Traurigkeit, in Verzweiflung verwandelt. Ich bin ratlos, denn mein Mann fehlt mir. Mir fehlen seine Küsse, seine Nähe, sein Körper,seine Leidenschaft. Das alles vermisse ich sehr, und ich weiß nicht, was ich tun kann, damit es wieder so wird wie früher.

Soll ich mir sexy Dessous kaufen? Mit ihm einen Porno schauen, ihn bei Kerzenlicht „in Stimmung“ bringen? Tatsächlich sind das alles ernst gemeinte Tipps, die ich im Internet gefunden habe – und die Wahrheit ist: Ja, ich habe wirklich darüber nachgedacht. Aber ich kann das nicht. Allein bei dem Gedanken an so eine Show verkrampfe ich mich. Und wenn ich es doch täte und dann wieder nur eine Abfuhr erhielte? Ich will nicht immer diejenige sein, die etwas einfordert und es nicht bekommt. Das ist auf Dauer ziemlich demütigend. Schließlich liebe ich Uwe immer noch sehr. Wir lachen zusammen, genießen die Tage – nur die Nächte sind so unendlich einsam. Darüber zu reden fällt schwer. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wie ich es sagen soll und ob ein Gespräch uns überhaupt noch helfen kann. Es ist so festgefahren. Aber ich weiß, dass ich diesen Zustand nicht ewig ertragen kann.

Uwe: „Zwischen uns steht eine Mauer, die ich nicht mehr einreißen kann“

Dieser Zustand macht uns beiden ganz schön zu schaffen. Aber trotzdem sind wir nicht imstande, ihn zu ändern. Das klingt bescheuert, ich weiß. Irgendwie haben wir den Zeitpunkt verpasst, an dem wir einfach wieder miteinander ins Bett gegangen wären, ohne ein großes Ding daraus zumachen. Denn mittlerweile ist „es“ ein Riesending geworden, eine richtige Mauer, die zwischen uns steht und die sich nicht mehr so einfach einreißen lässt.

„Wo ist denn das Problem?“ Das hat mein bester Freund zu mir gesagt, nachdem ich ihm erzählt hatte,dass Hanna und ich schon seit Monaten keinen Sex mehr hatten. „Ja, das kommt schon mal vor“, meinte er. „Hängt es nicht so hoch, denkt nicht so viel darüber nach, macht es einfach wieder!“ Wenn es so einfach wäre, hätten Hanna und ich ja schon längst wieder Sex. Haben wir aber nicht – und ich weiß auch nicht, wie wir das ändern können.

Ende 2016 hatte ich Stress im Büro. Ein neuer Chef, alles wurde umgekrempelt, jeder Tag brachte eine neue Baustelle, ich ging zwei Monate echt auf dem Zahnfleisch. Zwei älteren Kollegen wurde gekündigt, auch ich zitterte um meinen Job. Da ist mir im wahrsten Sinn des Wortes die Lust vergangen. Ja, ich hätte mit Hanna offen reden sollen. Das weiß ich heute. Stattdessen habe ich alles mit mir selbst ausgemacht – und sie weggestoßen.

Verletzen wollte ich sie aber auf keinen Fall, doch ich fürchte, dass ich genau das getan habe. Das tut mir unglaublich leid. Als es im Büro wieder halbwegs normal zuging, war Hanna diejenige, die sich zurückzog und mir auswich. Es war, als hätten wir nun die Rollen getauscht – jetzt kam ich nicht mehr an sie heran. Ich liebe sie und würde ihr das so gern beweisen. Sie ist schön und aufregend, ihr Körper reizt mich noch immer. Aber ich habe Hemmungen, Hanna an mich zu ziehen und sie so zu lieben wie früher. Dieses „früher“ scheint Ewigkeiten herzu sein. Zu lang auf jeden Fall, um einfach so zu tun, als sei es gestern gewesen, dass wir miteinander geschlafen haben. Ja, wir müssen dringend reden – nur wie fängt man damit an?

Keinen Sex mehr? Kein Grund zur Panik

In jeder langen Beziehung kommt es zu sexuellen Durststrecken. Das können Wochen oder Monate sein. Oft fressen Alltag oder Stress die Lust regelrecht auf. Das heißt aber nicht, dass die Partner sich nicht mehr lieben.

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold: Leider ist es meistens nicht so, dass beide Partner zur gleichen Zeit keine Lust mehr haben. Eher verhält es sich so wie bei Hanna und Uwe: Einer zieht sich zurück, weil er Sorgen, Ärger oder Stress hat und in dieser angespannten Situation keinen Sex mehr will. Der andere fühlt sich zurückgestoßen und vermutet wie Hanna, dass der Partner keine Lust mehr auf ihn hat – und es beginnt ein schleichendes Entfremden. Was dagegen hilft: Miteinander sprechen! Auch wenn es schwer fällt, vielleicht sogar peinlich ist – es ist die einzige Möglichkeit wieder zueinander zu kommen und etwaige Missverständnisse auszuräumen. Erst muss der Kopf frei sein, der Rest folgt!