Wie keimfrei muss unser Zuhause wirklich sein?

Wie keimfrei muss unser Zuhause wirklich sein?

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©iStock/PeopleImages

Alles keimfrei desinfizieren oder lieber entspannt bleiben? Wie gefährlich sind Hühnchen und Spülschwämme? Prof. Dr. Markus Egert sprach mit uns über sinnvolle Hygiene.

Eine Redaktion. Zwei Lager. LISAs strittiges Thema: der Spülschwamm und seine Lebensdauer. Während die einen nicht häufig genug wechseln können, gehen die anderen die Sache mit dem Putzutensil gelassener an. Stinkt er, kommt er weg.

Objektiv betrachtet bleiben zwei Fragen: Sollen sich die Keimfrei-Fraktion lockermachen? Oder setzen sich die anderen einer echten Gesundheitsgefahr aus? Zur Beantwortung hilft ein Anruf bei Mikrobiologe Prof. Dr. Markus Egert. Deutschlands führender Forscher rund ums Thema Haushaltshygiene kennt die zwei und alle anderen Antworten auf die brennendsten Sauberkeits-Fragen. Und er hat dazu auch ein spannendes Buch geschrieben: „Ein Keim kommt selten allein“ (Ullstein, 15€)*

Der Küchenschwamm

Die wichtigste Frage zuerst! „Der Küchenschwamm stellt für Keime eine Art Nobelherberge dar. Er ist feucht und bietet viele Nährstoffe. Wer auf Nummer sicher gehen will, schmeißt ihn nach einer Woche in den Müll.“ Eins zu null für Kollegen, die lieber öfter wechseln. Und wenn man nun noch weiß, dass sich in einem Kubikzentimeter Schwamm etwa 54 Milliarden Bakterien tummeln, werden auch die entspanntesten Kollegen nachdenklich.

Allerdings will Prof. Egert keine Angst verbreiten. Vielmehr geht es ihm darum, die Mikroben ins rechte Licht zu rücken. Während manche krank machen, zaubern andere wunderbaren Schimmel an Käse oder helfen der Salami beim Reifen. „Man darf sich nicht verrückt machen. Aber man sollte ein bisschen was über Mikroben – hierzu zählen u.a. Viren und Bakterien – wissen. Mikroben sind weder Kuschelfreunde noch absolute Killer. Es gibt beide, abhängig vom Umfeld. In Deutschland, wo wir sauberes Wasser haben, kann man das Thema Haushaltshygiene durchaus mit Humor und etwas Lockerheit angehen“, macht der Professor klar. Ausgleich im Kollegen-Duell! Doch was gilt es zudem zu beachten?

Teuflischer Mettigel

Nach dem Putzschwamm ist laut unserem Experten die Küchenspüle der größte Keimherd in der Wohnung – noch vor der Toilette. In der feuchten Wärme fühlen sich die fürs bloße Auge unsichtbaren Organismen sauwohl. Große Gesundheitsgefahr geht zudem von rohem Fleisch aus, heiße Sommertemperaturen und eine unterbrochene Kühlkette begünstigen das. Der beliebte Mettigel kann so zur tödlichen Bakterienschleuder werden – vor allem für Ältere, Kranke, Schwangere und Kinder. Und auch die Gruppe der Vegetarier und Veganer ist nicht auf der sicheren Seite. Auf Salaten und Gemüse können ebenso Mikroorganismen ins Haus gelangen und sich vermehren. Alle 20 Minuten entstehen aus einem Einzeller zwei Einzeller…

„Grundsätzlich gilt aber: Wir haben ein Immunsystem, das auf uns – vor allem die gesunden Menschen – aufpasst. Zu vorsichtig zu sein, ist deshalb nicht gut. Studien zeigen, dass wir eine vielfältige Mikroben-Flora um uns benötigen. Denn die stimuliert unser Immunsystem.“ Wer sich nicht nur darauf verlassen möchte, befolgt Prof. Egerts Hygiene-Regeln für die Küche.

Kinder & Keime

Auch unser Körper ist ein Schlaraffenland für Mikroben, rund zehn Billionen von ihnen leben auf und in uns! Wir verdanken ihnen unsere Existenz. Alles Leben geht auf einen Superkeim zurück, „der vor 4,3 Milliarden Jahren die Bühne betrat“, so der Forscher. Und selbst der Mutterleib ist nicht steril, vielmehr ist er für jedes Baby ein Mikroben-Taufbecken. Und nach der Geburt gilt: „Während sich das Immunsystem der Kinder ausprägt, das ist grob bis zum dritten Lebensjahr, sollten sie mit möglichst vielen verschiedenen Keimen in Kontakt kommen. Wenn Kinder in einer mikrobiologisch vielfältigen Umgebung aufwachsen, z.B. in einer ländlichen Umgebung mit Tieren, wirkt sich das positiv auf Allergien oder Asthma aus“, weiß Prof. Egert.

Und das Klo?

Das ist gar nicht so keimbelastet wie angenommen: „Die Toilette ist relativ keimfrei. Es sei denn, Sie benutzen sie für ‚Entsorgungen‘ im Krankheitsfall. Wichtig: Den Deckel vor dem Spülen schließen!“ Untersuchungen zeigen, wenn eine Toilette mit Mikroben belastet ist (z.B. nach einer Norovirus-Infektion), sind die auch nach 24 Spülgängen noch vorhanden. Die zähen Biester bleiben nicht nur unterm Rand. Mit der Gischt werden sie beim Spülen meterweit im Bad verteilt. Womöglich auch dorthin, wo Ihre Zahnbürste steht… „Vom Norovirus reichen zehn Virus-Partikel, um krank zu werden“, macht der Professor deutlich.

Weniger schlimm ist übrigens der Bereich um die Haustür belastet. Zwar bringen wir Dreck von der Straße mit hinein, aber „in der Regel lauern darin keine krankheitserregenden Keime. Erde ist nicht gefährlich.“ Und so mag der Experte hier auch keinen grundsätzlichen Tipp zum Bodenwischen geben: „Das ist sehr individuell – und richtet sich danach, wie viele Menschen im Haus wohnen. Oder ob sie mit Haustieren zusammenleben.“

Was ist aber nun der ultimative Hygiene-Tipp?

Prof. Egert hat gleich zwei: „Der wichtigste Tipp: Händewaschen! Aber auch Lüften ist gut – und sehr einfach. Alle Fenster aufreißen und fünf bis zehn Minuten Stoßlüften. Auch im Winter. Damit holen Sie Feuchtigkeit und Keime aus der Luft. Das hilft gegen Schimmel und Erkältungskrankheiten.“

Die 10 Gebote der Küchenhygiene
1. Kreuzkontamination: Vorsicht ist beim Verarbeiten von Rohkost geboten, damit keine Krankheitserreger vom Fleisch auf Salat oder Gemüse übertragen werden.
2. Händewaschen: Gilt überall und besonders in der Küche: Und zwar vor und nach dem Kochen!
3. Reinigen: Alle Kochutensilien sollten mit Spülmittel sauber gemacht und regelmäßig erneuert werden.
4. Kühlkette: Achtet auf deren Einhaltung – besonders bei Fleisch.
5. Durchgaren: Fleisch mindestens zwei Minuten lang auf 70°C erhitzen.
6. Spülmaschine: Reinigt die Maschine regelmäßig, vor allem die Dichtungen. Hin und wieder bei hohen Temperaturen betreiben. Die saubere Maschine offen stehen lassen und den Nebel beim Öffnen nicht einatmen.
7. Kühlschrank: Hier lagern Lebensmittel, darum regelmäßig reinigen. Auch hier die Dichtungen pflegen. Nicht lange offen lassen, um Erwärmung & Kondenswasser zu vermeiden.
8. Spülmittel: Macht so gut sauber, dass besondere antimikrobielle Reiniger gar nicht nötig sind!
9. Spüle: Die Keimschleuder immer gründlich reinigen, inkl. Abflussgitter. Hierfür reicht ein (sauberer & neuer) Spülschwamm und Spülmittel.
10. YOPIs (Young, Old, Pregnant, Immunocompromised): Das heißt Kinder, Alte, Schwangere & Personen mit geschwächtem Immunsystem müssen besonders vorsichtig sein!

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