Ilka Bessin: „Als Cindy habe ich auf der Bühne Urlaub gemacht“

Ilka Bessin: „Als Cindy habe ich auf der Bühne Urlaub gemacht“

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©Randomhouse/Ilka Bessin

Heute erscheint Ilka Bessins Biografie „Abgeschminkt“. Mit LISA sprach sie über ihre Rolle als Cindy und ihre tragische Liebesgeschichte. Und sie schenkt euch ihr Buch.

Ilka Bessin verkörperte bis 2016 die schrullige arbeitslose Wuchtbrumme „Cindy aus Marzahn“. Ihre Comedy-Karriere klingt wie ein Märchen: Von Hartz IV auf die große Bühne und vor die Fernsehkameras der Nation. In ihrem neuen Buch „Abgeschminkt“ spricht sie zum ersten Mal von den Aufs und Abs hinter den Kulissen.

Frau Bessin, in Ihrem neuen Buch „Abgeschminkt“ gehen Sie stellenweise ziemlich hart mit sich selbst ins Gericht – Sie beschreiben sich sogar als schlechtgelaunte Diva. War es schwierig, so offen mit den eigenen Schwächen zu sein?

„Im Laufe der Jahre lernt man sich selbst eben gut kennen. Es gab damals einige Situationen, in denen ich nicht cool war. Damals hatte ich allerdings noch nicht die Lebenserfahrung, um cool zu sein. Zum Glück habe ich gelernt, dass sich die Erde nicht um mich dreht. Mein Erfolg kam damals aber auch sehr schnell und ich war komplett überfordert. Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet, beim Fernsehen zu arbeiten. Es gibt viele positive aber auch negative Seiten, die dieser Job mit sich bringt. Ich musste erst lernen, damit umzugehen.“

Auf der Bühne hat man Sie immer nur fröhlich und „frei Schnauze“ erlebt. Dabei haben Sie hinter den Kulissen einiges durchgemacht.

„Ja, aber auf der Bühne konnte mir niemand auf den Keks gehen. Da konnte ich meine Ruhe haben. Das machen, wofür ich eigentlich da war und was ich konnte. Das Publikum hatte Spaß und für mich war es wie ein Stückchen Therapie. Besonders als mein Vater an Demenz erkrankte. In der Garderobe habe ich oft noch mit meiner Mutter telefoniert und geheult. Und danach ging es auf die Bühne. Gott sei Dank hatte ich dicke Schminke im Gesicht und die Perücke auf dem Kopf. Ich konnte rausgehen und mir die Trauer von der Seele spielen.“

War Cindy aus Marzahn also ein Stück Flucht vor der Realität?

„Flucht würde ich nicht sagen. Als Cindy habe ich auf der Bühne einfach ein bisschen Urlaub gemacht.“

Als Cindy haben Sie Ihre größten Unsicherheiten zu Ihrem Markenzeichen gemacht und Ihre Schwächen ins Rampenlicht gestellt. Wie hat sich das angefühlt?

„Es war so etwas wie Selbstschutz. So konnte mich niemand verletzen. Hatte ich die Perücke auf, war ich in einer anderen Welt. Wenn ich sie wieder abgenommen habe, hat man mich ja kaum erkannt und alles wieder gut.“

Ihre Zeit als Hartz-IV-Empfängerin nimmt einen großen Teil des Buches ein. Wie präsent ist Ihnen die Zeit heute noch?

„Sie ist mir noch sehr nahe. In unserer jetzigen Zeit, durch Medien und Politik ist das Thema einfach immer noch präsent. Klar, ich selbst habe jetzt mehr Geld als damals, aber grundsätzlich gibt es immer noch die gleichen Probleme. Wir schaffen es immer noch nicht, Rentner vernünftig zu versorgen oder den Leuten Löhne zu zahlen, die sie aus der Armut herausholen. Das finde ich ganz tragisch.“

Im Buch beschreiben Sie auch Ihre unerwiderte Liebe zu „John“, die Sie ganz schön Nerven gekostet und einige seelische Narben hinterlassen hat.

„Ich war wirklich abhängig von ihm. Ich bin manchmal den ganzen Tag lang nicht aus dem Haus gegangen, weil er etwas Gemeines zu mir gesagt hatte. Man denkt immer ‚so was passiert mir nie!‘, aber wahrscheinlich haben 80 Prozent der Frauen mal eine ähnliche Erfahrung gemacht. Eine Situation, in der man einfach die Kurve nicht mehr kriegt. Und ich habe die Kurve nicht bekommen. Ich musste erst ganz unten am Boden liegen um zu merken, dass ich von niemandem abhängig sein muss und dass ich ein Mensch bin, der es wert ist, geliebt zu werden.“

Dabei wirken Sie auf der Bühne immer so selbstbewusst. Da ist so eine Situation schlecht vorstellbar.

„Aber das war ja ein Kostüm und hinter der Fassade war ich trotzdem voller Selbstzweifel. Alle um mich herum haben mich gewarnt: ‚Lass die Finger von ihm!‘ Aber es hat nichts geholfen. Wenn er gesagt hätte: ‚Zieh einen roten und einen grünen Schuh an‘, dann wäre ich wochenlang so rumgelaufen.“

Heute sieht es in Sachen Liebe besser aus?

„Definitiv, und darauf bin ich auch stolz. Es hat eine Weile gedauert und natürlich hat es mich auch verletzt. Aber zum Glück hat die Geschichte ein Ende gefunden. Meine Mama sagt immer zu mir ‚Kind, die Welt ist nicht so schlecht, wie sie scheint.‘ Und das ist wirklich so. Aber in dem Moment, in dem man in so einer Beziehung feststeckt, scheint die Welt unterzugehen.“

„Mut zur Hässlichkeit“ ist Ihr Mantra in Sachen Comedy, oder?

„Das hat Corny Littmann mal zu mir gesagt. Ich meine ‚hässlich‘ auch nicht unbedingt im Bezug auf ‚unattraktiv‘. Manche gehen auf die Bühne und machen sich nur über andere lustig. Für mich bedeutet ‚Mut zur Hässlichkeit‘ auch, dass man sich selbst auf die Schippe nehmen kann. Das gilt auch für das Leben abseits der Bühne. Ich war nie ein Mädchen, das ungeschminkt nicht auf die Straße geht.“

Ihr Cindy-Kostüm war aber auch sehr extrem. Viele hätten sich so wahrscheinlich nicht auf die Bühne getraut.

„Ich habe schon immer das Verkleiden zum Fasching geliebt. Mir hat das Spaß gemacht.“

Man sagt, dass aus weniger schönen Menschen oft die interessanteren Charaktere werden. Würden Sie dem zustimmen?

„Schön ist ein dehnbarer Begriff. Es gibt einen Unterschied zwischen hässlich und ungepflegt. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Außerdem muss es anstrengend sein, schön zu sein. Man muss ja ständig daran arbeiten, dass man schön bleibt. Und was passiert dann, wenn man es eines Tages nicht mehr ist?“

Sehen Sie sich als Vorbild für Frauen, die nicht den Modelmaßen entsprechen?

„Was heißt Vorbild? Ich bin kein Vorbild. Beim Dreh in Berlin hab ich eine Frau kennengelernt, die bei der Tafel arbeitet. Die tut so viel Gutes und unsereins denkt, wir haben die Welt gerettet, wenn wir 50 Euro spenden. Es gibt Leute, die diese Vorbildrolle wirklich verdient haben, aber nicht ich.“

Hatten Sie beim Abschied von Cindy auch ein wenig Sorge, ob es ohne sie so erfolgreich weitergehen kann?

„Zuerst wusste ich gar nicht, wie es weitergehen sollte. Klar, hatte den Plan mit der Modelinie, aber natürlich habe ich überlegt, wie es wird, danach wieder auf die Bühne zu gehen. Zu dem Zeitpunkt war auch mein Vater gerade gestorben und ich musste von mehreren Figuren, die in meinem Leben wichtig waren, Abschied nehmen. Aber der Abschied von Cindy hat mir auch neue Freiheiten gegeben. Und ich bin sehr stolz darauf, dass es heute so gut läuft, wie es läuft. Es waren tolle Jahre und eine tolle Zeit und ein bisschen vermisse ich sie auch.“

Die Beziehung zu Ihrer Schwester beschreiben Sie als kompliziert. Hat sich in dieser Hinsicht etwas geändert, seit Sie nicht mehr Cindy sind?

„Gar nicht. Für mich ist das auch okay. Wir hatten nie ein besonders enges Verhältnis. Viele denken ‚Oh Gott, das ist ja schade!‘, aber das sehe ich nicht so. Ich kann nur sagen: Man kann sich seine Familie eben doch aussuchen. Ich hab mir meine Familie selbst aufgebaut aus Freunden und deren Familien und meiner Mama. Dort werde ich aufgenommen, wie ich bin. Da bin ich einfach die Ilka, egal welche Figur ich spiele.“

Haben Sie Ihren Traum von Mann, Kind und Garten aufgegeben?

„So würde ich das nicht sagen. Ich habe ja eine Familie. Freunde, meine Mama, die mich liebt. Das Wichtigste im Leben ist ohnehin Gesundheit, das habe ich durch die Krankheit meines Vaters lernen müssen. Gesundheit und Zeit sind die einzigen Dinge, die man nicht kaufen kann. Da kann das Konto noch so dick sein.“

Welche Projekte möchten Sie in Zukunft angehen?

„Ich würde unter anderem gerne einen Film machen und das Drehbuch dazu schreiben. Ich kann zwar kein Drehbuch schreiben, aber ich habe schon eine Idee (lacht). Das Wichtigste ist mir aber, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich liebe.“

Bessin
©Randomhouse/Ilka Bessin

LISA verlost fünf Exemplare von „Abgeschminkt“ (Heyne, 288 Seiten, 15 Euro).

Pinkfarbener Jogginganzug, eine Blume in der blonden Perücke, dicke Schminke, Berliner Schnauze – und langzeitarbeitslos. Das war „Cindy aus Marzahn“, die ab 2005 eine steile Karriere hinlegte. Im Laufe der Jahre wurde ihrer Erschafferin die Rolle jedoch zu eng; sie wollte viel mehr als „Cindy aus Marzahn“ konnte. 2016 war deshalb Schluss, die Kunstfigur ist weg und hat Platz für ihre Erfinderin gemacht: Ilka Bessin. Hier erzählt sie erstmals aus ihrem Leben: von ihrer ergreifenden Kindheit über die Arbeitslosigkeit bis hin zu ihrer Zeit als gefeierter Bühnenstar. Ihre bewegende Geschichte ist die einer Ausnahme-Künstlerin. Ein Buch, das einen berührt, immer wieder zum Lachen bringt und gerade deshalb Mut macht!

Zum Mitmachen einfach Formular bis zum 2. Dezember 2018 ausfüllen. Viel Glück.

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