Hirsutismus – Wenn Frauen ein Bart wächst

Hirsutismus – Wenn Frauen ein Bart wächst

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Zwei Frauen, eine Krankheit: Hirsutismus. Während sich LISA-Leserin Manuela (44) täglich rasiert, hat sich Rose (39) entschieden, zu ihrer Extrem-Behaarung zu stehen. Hier sind ihre Geschichten:

Unter Hirsutismus versteht man eine verstärkte Körperbehaarung bei Frauen an Stellen, die dem männlichen
Behaarungsmuster entsprechen. Das genaue Krankheitsbild, die Ursachen und mögliche Entfernungsmöglichkeiten erklären wir euch unten im Kasten. Zuerst stellen wir euch Rose und Manuela vor, die zwei ganz unterschiedliche Wege gefunden haben, mit Hirsutismus umzugehen.

Rose (39) aus Orgeon: „Ich habe endlich mein wahres Ich akzeptiert!“

Über 25 Jahre lang kannte Rose nach dem Aufwachen nur einen Gedanken: Ich muss direkt ins Bad. Dort griff sie zum Rasierer und entfernte die dunklen Stoppeln an ihren Wangen, am Kinn und über der Oberlippe. Erst danach konnte sie beruhigt in den Tag starten.

Seit Rose Geil aus Oregon (USA) 13 Jahre alt ist, wachsen ihr Haare an Stellen, wo andere Frauen keine bekommen. Schon damals beginnt sie, ihr Gesicht zu rasieren. Ihre Brustbehaarung versteckt sie unter Rollkragenpullovern und ihre kurzen Hosen wandern in die Kleidertonne. „In der Schule war ich eine Außenseiterin, weil ich nicht die richtigen Klamotten trug“, erzählt die heute 39-Jährige. Doch um ihr Geheimnis zu bewahren, nimmt sie das in Kauf.

Selbst ihre Eltern wissen nichts davon. Erst als Rose eines Morgens vergisst, sich zu rasieren, entdeckt ihre Mutter den Bart. Gemeinsam suchen sie einen Arzt auf, doch die verschriebenen Pillen helfen nicht. Auch die teure und schmerzhafte Laser-Behandlung Jahre später bringt keine Besserung. Rose versucht, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Doch sich jeden Tag zu rasieren und trotzdem zu fürchten, dass jemand etwas entdecken könnte, laugt sie emotional völlig aus.

Sie begreift, dass sie selbst ihr größter Feind ist. Vor zehn Monaten beschließt sie daher, den Rasierer wegzuschmeißen. Schon nach sechs Wochen trägt sie einen dichten Vollbart. „Klar, die Leute schauen auf der Straße, aber die meisten Reaktionen sind positiv“, erklärt die Amerikanerin. „Viele Menschen bewundern meinen Mut, so offen mit meiner Behaarung umzugehen.“ Ihren Rollkragenpullover hat Rose abgelegt. Sie trägt wieder kurze Hosen, manchmal sogar Kleider. „Ich schäme mich nicht mehr für meinen Körper – das habe ich lange genug.“ Ob sie manchmal darüber nachdenkt, den Bart wieder abzurasieren? „Keinen Tag, ich fühle mich weiblich, sexy und sinnlich – das habe ich zuvor noch nie“, antwortet Rose. „Und dass hat nichts mit meinem Erscheinungsbild zu tun, sondern mit meiner Einstellung. Ich habe endlich mein wahres Ich akzeptiert.“

Manuela (44) aus Frankfurt am Main: „Selbst frisch rasiert fühle ich mich oft unwohl in meiner Haut!“

Hirsutismus
©M.I.G./LISA/Manuel Hauptmannl

Erst einem Menschen hat LISA-Leserin Manuela Zips ihr Geheimnis anvertraut, heute teilt sie es mit euch. Doch es war ein langer Weg, bis die 44-Jährige aus Frankfurt am Main sich zu diesem Entschluss durchringen konnte.

Manuela ist 15 Jahre alt, als ihr Haarwuchs im Gesicht, am Rücken, am Bauch und auf der Brust stärker wird. Ohne mit ihren Eltern darüber zu sprechen, greift sie fortan zum Rasierer. Täglich. Mit 18 Jahren geht sie zum Frauenarzt. „Er meinte, dass meine Hormone verrücktspielen und man da nichts machen kann“, erinnert sich Manuela. Doch damit will sich die junge Frau nicht abspeisen lassen.

Sie lässt ihren Hormonstatus bestimmen. Er ist völlig normal. Und auch an den Genen kann es nicht liegen. Hausärzte, Frauenärzte, Endokrinologen – die Hessin startet einen Ärzte-Marathon, doch immer wieder hört sie dieselben Worte: „Das ist eine Laune der Natur. Sie müssen sich damit abfinden.“ Doch der zweifachen Mutter fällt das schwer. „Natürlich weiß ich, dass es schlimmere Krankheiten gibt, aber es beeinflusst mein Leben eben.“ Seit der Pubertät war sie nicht mehr schwimmen. Sie trägt keine kurzen Sachen und wenn ihr jemand zu nahe kommt, geht sie automatisch einen Schritt zurück. Zwar rasiert sie sich das Gesicht täglich, doch die Angst, dass jemand die dunklen Schatten entdecken könnte, lässt sie nicht los.

Nur ihr Mann weiß von ihrer Erkrankung. Nach zwei Jahren Beziehung offenbarte sie sich ihm. Er nahm es gefasst auf. „Trotzdem lasse ich die Haare zu Hause nie sprießen. Auch nicht nach 21 Jahren Ehe.“ Selbst frisch rasiert fühlt sie sich oft unwohl in ihrer Haut. „Man stellt sich eine Frau eben anders vor.“ Im letzten Jahr hat Manuela über das Internet drei Betroffene gefunden, mit denen sie sich austauscht. „Ich weiß jetzt, dass es Frauen gibt, die ähnliche Probleme haben. Das hilft mir sehr.“ Daher hat sie sich auch bei LISA gemeldet. Vielleicht sind da draußen ja noch mehr Frauen, die sich so allein fühlen, wie es Manuela noch bis vor Kurzem tat. „Zusammen können wir es schaffen, dass dieses Thema nicht länger tabu bleibt!“

Hirsutismus: Infos & Fakten

Krankheitsbild

Beim Hirsutismus kommt es zu einer vermehrten Körperbehaarung an u. a. Oberlippe, Kinn, Brust, Rücken, Bauch, Beinen und Oberarmen. Die hellen, weichen Härchen (Vellushaare), die Frauen an diesen Stellen normalerweise haben, werden durch dunkle, dicke Haare (Terminalhaare) ersetzt.

Ursachen

Hirsutismus kann unterschiedliche Ursachen haben. Bei den meisten Frauen wird allerdings eine vermehrte Bildung männlicher Sexualhormone im Blut nachgewiesen, doch auch eine genetische Veranlagung kann dahinterstecken. Bei einer hoch dosierten Behandlung mit bestimmten Medikamenten kann sich ebenfalls eine vermehrte Behaarung entwickeln.

Entfernung

Die meisten Frauen greifen zum Rasierer, Epilierer oder lassen die Haare bleichen. Auch eine Laserenthaarung oder eine Verödung der Haarwurzeln beseitigt unerwünschte Haare. Sind hormonelle Erkrankungen oder Tumore der Auslöser, muss die Behandlung von einem Endokrinologen oder Onkologen medikamentös eingestellt werden.

Akzeptanz

Dealing with the tash in readiness for the Royal Premiere tonight! Go @JolenBeauty #jolen ! XT Ein von ThandieKay.com Instagram (@thandieandkay) gepostetes Foto am

Schon die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907–1954) malte ihren Bart und die zusammengewachsenen Augenbrauen bei Selbstporträts immer mit. Auch Promis wie Schauspielerin Thandie Newton (43, „Emergency Room“) wächst ein Damenbart. Doch anstatt sich dafür zu schämen, postet die Britin lieber ein Bild beim Entfernen.

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