„Geschmack kann man lernen“

„Geschmack kann man lernen“

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Gemüse, Geschmack
©iStock/shalamov

Der Geschmack von Tomate, Möhre, Paprika? Viele Kinder kennen diesen gar nicht. Deswegen hat Frank Rothe eine besondere Schule gegründet.

Gemeinsam mit Freunden hat Frank Rothe in Dortmund eine Geschmackschule gegründet – und macht Kochkurse für Kinder. Anlass dafür war eine Reise: „Ich reise viel durch die Welt, auch mehrfach nach Nordamerika. Dort konnte ich besonders deutlich beobachten, dass die Zahl übergewichtiger Kinder sich stetig über die Jahre vermehrte – fast so wie die Zahl der Fastfood-Ketten. Und hier in Deutschland ist es nicht viel anders. 2006 in Kanada sprach ich mit Kindern, die unter Adipositas (Fettleibigkeit) litten und Diabetes Typ II – durch falsche Ernährung. Da wurde mir klar, dass ich daran etwas ändern möchte und gründete mit Freunden die gemeinnützige Geschmackschule.“

Zeitmangel und Ahnungslosigkeit

Frank Rothe, Geschmack
Frank Rothe, Gründer der Dortmunder Geschmackschule ©privat

Laut Frank Rothe seien vor allem Fertig-Lebensmittel schuld daran, dass die Kids nicht mehr wissen, wie natürliche Lebensmittel schmecken. Und dazu greifen die meisten aus Zeitmangel. Oder Ahnungslosigkeit. „Diese Lebensmittel sind vor allem dadurch geprägt, dass sie zu salzig, zu fettig und zu süß sind. Dazu noch vollgepumpt mit Aromastoffen, die ein einzigartiges Geschmackserlebnis liefern sollen. So erdbeerig wie manche Süßigkeiten schmecken, kann es die Natur oft gar nicht liefern. Die Kinder verlieren durch jahrelange Geschmacksprägung dieser Art den Sinn für alles Natürliche und Einfache. Die Lebensmittelindustrie ist gewinnorientiert: Salz, Fett und Zucker machen uns gierig nach noch mehr, das steigert den Gewinn. Aus ihrer Sicht macht die Lebensmittelindustrie also alles richtig. Das Wohl der Kinder ist da eher von geringerem Interesse.“

Kostenlose Geschmack-Kurse

Die Kurse von Frank Rothe sind für Kinder aus benachteiligten Familien kostenlos. Sie finden für alle Kinder wöchentlich statt und dauern mindestens drei Monate, manchmal sogar ein halbes Jahr. „Aber überzeugt von den Zutaten und Speisen haben wir die Kinder meist schon nach zwei, drei Wochen“, so Rothe. „Damit sich das aber nachhaltig in der Erinnerung der Kinder verfestigt, kochen wir viel länger mit ihnen.“

Ungezwungenheit

Kinder, Kochen, Geschmack
©Frank Rothe

In den Kursen wird ohne erhobenen Zeigefinger gearbeitet: „Die Kinder betreten den Raum und finden auf einem Gruppentisch alle Zutaten vor, die sie anschließend verarbeiten werden. Das sieht immer recht bunt und einladend aus. Die Kinder dürfen die Zutaten tasten, riechen, Fragen stellen. Dann leiten wir an, wie es geht und legen mit immer anders verteilten Rollen los – Chefköche, Beiköche und so weiter. Zupacken, schnibbeln, riechen, probieren – das macht allen Kindern riesigen Spaß. Und mit Spaß sehen sie, wie aus den Zutaten ein fertiges Gericht wird, vom einfachen bunten Rührei mit Paprika bis zum aufwändigen indischen Hähnchencurry. Dazu bekommen die Kinder reichlich didaktisches Material von uns, nach einem Konzept, das wir entwickelt haben und vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung haben bewerten lassen.“ Berührungsängste kennen die meisten Kids gar nicht: „Sie überrascht, wie schnell und sicher sie mit wirklich scharfen, professionellen Messern umgehen können – als Drittklässler schon. So manche Mutter würde beim Zusehen ziemlich nervös werden. Uns überrascht immer wieder, dass die Kinder alles probieren, selbst sehr exotische Sachen – weil sie es selbst zubereitet haben. Und fast immer schmeckt es ihnen auch sehr gut. Sie sind stolz auf das, was sie geschaffen haben.“

„Lasst die Tiere leben“

Ab und an macht Frank Rothe auch mal einen Ausflug auf den Bio-Bauernhof. Der Grund: Viele Kinder kennen die Zusammenhänge beim Essen gar nicht, wissen nicht, wie die Zutaten entstehen und woher sie stammen: „Bei einer unserer Exkursionen wurden einmal gerade Jungschweine zum Schlachten per Lkw abgeholt. Ein Junge unserer Kochkurse war sehr empört darüber, dass diese Tiere bald getötet werden. Er forderte: ‚Lasst die Tiere doch leben und kauft das Fleisch im Supermarkt!'“