Friedensdorf Oberhausen: Wo die Hoffnung wohnt

Friedensdorf Oberhausen: Wo die Hoffnung wohnt

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Ob Fußball spielen, im Wald spazieren gehen oder den Kleinen beim Duschen helfen – Ehrenamtlerin Sandra van de Schans kümmert sich um die Jungs im Dorf © M.I.G/LISA/Laura Büchele

Weil sie zu Hause keine Chance auf Heilung haben, hilft der gemeinnützige Verein kranken und verletzten Kindern aus Krisengebieten in ein besseres Leben. Ein Besuch im Friedensdorf.

Der erste Blick auf die Kinder auf dem Dorfplatz ist für die meisten Besucher ein Schock: amputierte Beine, verbrannte Haut, Stümpfe statt Händen und Krater, wo Nasen oder Ohren waren. Doch ist die erste Schrecksekunde vorüber, nimmt man das laute und fröhliche Toben wahr – und die strahlenden Gesichter. „Hallo, du, Foto, hier, hier!“, werde ich begrüßt und bin im nächsten Moment von einem Schwarm Jungen und Mädchen umringt. „Berührungsängste darf man hier nicht haben“, ruft mir die ehrenamtliche Mitarbeiterin
Sandra van de Schans zu, während der 46-Jährigen ein kleiner Junge auf den Rücken springt. „Die Kinder stecken voller Lebensfreude, trotz ihrer Schicksale. Sie sind eben richtige Kämpfernaturen.“

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Eine seltene Chance: „Foto, hier“, rufen mir die Kinder entgegen und schon bin ich umzingelt © M.I.G/LISA/Laura Büchele

Seit 48 Jahren holt das Friedensdorf im nordrhein-westfälischen Oberhausen kranke und verletzte Kinder aus Krisen- und Kriegsgebieten nach Deutschland. Viermal im Jahr chartert der Verein mithilfe der „Sternstunden“, einer Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks, ein Flugzeug, um jeweils über 100 Mädchen und Jungen aus Angola, Gambia, Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kirgisistan, Georgien und Gaza in ein gesundes Leben zu verhelfen.

Die meisten leiden an einer tückischen Knochenentzündung

Die Osteomyelitis frisst die kleinen Körper auf, weil ein offener Bruch nicht geschlossen wurde oder gegen einen Infekt kein Antibiotikum da war. „Viele Kinder haben aber auch starke Verbrennungen durch Bombenexplosionen oder Haushaltsunfälle sowie Deformationen oder Fehlbildungen“, erklärt Pressesprecherin Ricarda Kretschmann. Andere Kinder können kaum essen, weil ihre Speiseröhre verätzt wurde, als sie durstig zu Seifenlauge statt zu Wasser griffen.

So unterschiedlich die Gründe für das Leiden auch sind, allen Kindern ist eines gemeinsam: In ihrer Heimat hätten sie keine Chance auf Heilung. Und so treten die verzweifelten Eltern ihre Vormundschaft während der medizinischen Behandlung in Deutschland ab und geben ihre Kinder in fremde Hände.

Mehr als 10 000 Kindern konnte das Friedensdorf bereits helfen

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Soraya bei der Physiotherapie mit Christina Philipps: Am rechten Bein trägt sie eine Prothese, am linken ist der Fuß nach außen verdreht © M.I.G/LISA/Laura Büchele

Soraya* aus Afghanistan zum Beispiel: Seit 14 Monaten lebt die Elfjährige im Friedensdorf. Vor fast vier Jahren ging eine Landmine hoch, als sie mit ihrem Vater im Auto saß. Sie verlor ihr rechtes Bein, das linke entzündete sich. Als sie im Friedensdorf ankam, war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Inzwischen schafft sie sogar schon ein paar Schritte ohne „Muletas“. „Das ist Portugiesisch für Krücken. Selbst wenn die Kinder nicht aus Angola stammen und portugiesisch sprechen, nennen sie die Gehhilfen hier so“, erklärt die Physiotherapeutin Christina Philipps. Zweimal die Woche behandelt die 44-Jährige das hübsche Mädchen mit den leuchtenden Augen. Ehrenamtlich. „Oh nein, keine Socken alle beide!“, sagt Soraya in gebrochenem Deutsch plötzlich. Christina schaut zu den Füßen des Mädchens und lacht: „Wenn etwas Besonderes ansteht, achten wir eigentlich darauf, dass die Kinder zwei passende Socken tragen. Aber bei so viel Wäsche klappt das nicht immer.“

Momentan leben 200 Kinder im Friedensdorf, die auf ihre Operation warten oder sich gerade
davon erholen. 70 weitere sind noch in Krankenhäusern überall in Deutschland untergebracht. Bundesweit haben sich mehr als 200 Kliniken bereit erklärt, die Kinder unentgeltlich zu behandeln. Trotzdem ist der Verein auf Spenden von fünf Millionen Euro pro Jahr angewiesen, die er unter anderem für Medikamente
braucht. Denn nicht nur während ihrer Zeit im Friedensdorf werden die kleinen Patienten mit Arzneimitteln versorgt, sondern auch zurück in ihrer Heimat – wenn es sein muss ein Leben lang.

Kein Kind bleibt in Deutschland, alle kehren heim zu ihren Familien

Das ist der wichtigste Grundsatz des Friedensdorfs und unterscheidet den Verein von einer Flüchtlingshilfe. „Wir wollen die Kinder nicht eindeutschen. Sie selbst sind ja auch nicht auf der Suche nach einer
neuen Heimat, sondern nach Gesundheit“, sagt Ricarda Kretschmann. Daher gibt es im Dorf auch weder Spielzeugberge noch typischen Schulunterricht. Statt Vokabeln zu pauken, lernen die Kinder, Konflikte gewaltfrei zu lösen oder sich richtig zu waschen.

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Dank Susanne Bernsdorf weiß Mariana (vorn), in welchen Müll die Chipstüte auf ihrer Karte gehört © M.I.G/LISA/Laura Büchele

Susanne Bernsdorf (47), die hauptberuflich im Entsorgungsbereich arbeitet, kommt einmal die Woche, um den Kindern spielerisch zu zeigen, wie Müll getrennt wird. „Zu Hause schmeißen sie alles in den Wassergraben. Und die Krankheiten verbreiten sich …“ Mariana* aus Angola, die für eine Vaginalrekonstruktion eingeflogen wurde, überlegt gerade, ob der Getränkekarton in die blaue Tonne für Papier oder in den gelben Sack kommt. Susanne hilft: „Innen ist es silberfarben. Das ist Aluminium.“ – „Ah, dann hier richtig“, sagt die Achtjährige und wirft den Eistee-Pack in den gelben Sack. Nach zwei Lerneinheiten bekommen die Kids sogar ein Mülldiplom überreicht. Stolz packen sie das Dokument in ihren Zimmern in die „R-Tasche“, ihre Rückkehr-Tasche. Ihr Lieblingskuscheltier, ein Spielzeug für den Bruder oder eine Jacke für die Mutter – bevor es nach Hause geht, hat jeder seine große Sporttasche prall gefüllt.

Schleicht sich manchmal nicht der Gedanke ein, dass es für die Kinder besser wäre, wenn sie hier in Deutschland bleiben könnten? „Nein“, antwortet Ricarda Kretschmann bestimmt. „Wer einmal die Wiedersehensfreude der Kinder in ihrer Heimat erlebt hat, weiß, dass es richtig ist, sie in Deutschland nicht zu stark zu integrieren.“ Die Kinder gesund nach Hause zu bringen ist eines der wichtigsten Ziele des Friedensdorfs, doch nicht das oberste: „Wir wollen uns eines Tages arbeitslos machen, weil wir genügend
Hilfsprojekte vor Ort aufgebaut haben. Oder aber, weil es keine Kriege mehr gibt. Das ist das schönste Ziel.“

So könnt ihr helfen
„Wer die Kinder rettet, rettet die Zukunft“, ist die Devise des Friedensdorfs International in Oberhausen. Doch damit das möglich ist, braucht der Verein Unterstützung.

Ehrenamtler gesucht

Neben der medizinischen Einzelfallhilfe arbeitet das Friedensdorf u.a. an Auslandsprojekten, Kleiderkammern und Weihnachtspaket-Aktionen, die durch Geld- und Sachspenden getragen werden. Zudem ist der Verein auf ehrenamtliches Engagement angewiesen. Auch Menschen, die nicht aus Oberhausen kommen, können sich engagieren: In ganz Deutschland sind Kinder, die betreut werden müssen, in Kliniken untergebracht. Das Friedensdorf freut sich über jede Unterstützung. Mehr Infos unter friedensdorf.de.

*Name wurde geändert