„Wenn ich das Erbe auszahle, stehe ich vor dem Nichts“

„Wenn ich das Erbe auszahle, stehe ich vor dem Nichts“

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Erbe
©iStock/Daisy-Daisy

Nach dem Tod der Eltern ist zwischen den beiden Schwestern über das Erbe ein böser Streit entbrannt. LISA-Leserin Sabine ist verzweifelt: Sie will das Haus, in dem sie lebt, nicht verkaufen…

Sabine aus Koblenz hat uns ihre Geschichte erzählt:
„Mein Leben gleicht allmählich einem einzigen Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Seit fast zwei Jahren streiten Marlene und ich uns nun schon um unser Erbe. Und ich bin wirklich am Ende meiner Kräfte. Dass es mal so kommen würde, hätten meine Eltern doch nie gewollt!

Alles begann mit einer Tragödie. Es war im Februar 2016, als meine Eltern Inge († 67) und Karl-Heinz († 69) auf vereister Fahrbahn die Kontrolle über ihren Wagen verloren und gegen einen Baum krachten. Jede Hilfe kam zu spät. Beide starben in den Trümmern. Ich war fassungslos, schließlich lebten Martin (49) und ich mit unseren Kindern Sophie (13), Max (11) und Emil (7) damals schon seit über zehn Jahren im Erdgeschoss bei meinen Eltern im Haus. Wir standen uns sehr nahe und verbrachten viel Zeit miteinander.

Die Beerdigung war noch nicht organisiert, da fragte Marlene schon, was mit dem Erbe sei. Ich war erschüttert, wie sie in diesem Moment an Geld denken konnte. Ein Testament gab es nicht. „Ihr Mädchen regelt das schon“, meinte mein Vater immer. Und ich hatte den Gedanken an den Tod meiner Eltern immer so weit von mir geschoben wie möglich. Marlene und ich erbten ohne ein Testament je zur Hälfte.

Meine Eltern hinterließen uns beiden das Haus, etwas Schmuck und knapp 6000 Euro Bargeld. Kurz nach der Beerdigung gingen wir gemeinsam die Besitztümer der beiden durch. „Wir sollten das Haus am besten verkaufen“, drängte Marlene. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Interessierte sie die Erinnerung an unsere Eltern überhaupt nicht? Martin und ich hatten bereits eine gute fünfstellige Summe in den Ausbau und in die Renovierung des Obergeschosses und des Kellers investiert. Und schon allein wegen der Kinder wollte ich nicht umziehen. Abgesehen davon: Wir konnten uns eine Wohnung für uns fünf gar nicht leisten!

„Sie will nur ihr Erbe – ich bin ihr egal“

Und Marlene? Sie hat keine Kinder und wohnt mit ihrem Mann in einem fast abbezahlten Eigenheim bei Frankfurt. Geldsorgen konnte sie nicht haben. Außerdem: Gekümmert hat sie sich um die Eltern doch sowieso nicht viel. Irgendwie würden wir uns schon einigen, dachte ich. Doch ein paar Wochen später bekam ich dann ein Gutachten zugeschickt. Marlene hatte den Marktwert des Hauses schätzen lassen. Knapp 250 000 Euro. Im Postkasten lag auch ein Schreiben ihres Anwalts, in dem sie ihren Anteil von mir einforderte – 125 000 Euro.

Schockiert überlegte ich, wie wir so viel Geld auftreiben sollten. Und was war mit all dem Geld, das wir bereits ins Haus gesteckt hatten? Ich war verletzt, verzweifelt und ja, auch wütend. Am Telefon versuchte ich, ihr meine missliche Lage zu erklären. Doch sie ging überhaupt nicht darauf ein, sondern pochte bloß auf das Geld und erinnerte mich immer an die Zahlungsfrist. Es fielen viele böse Worte und Vorwürfe während dieses Gesprächs. Die Kluft zwischen uns wurde immer größer. Am Ende drohte sie sogar mit einer Zahlungsklage.

Seither herrscht Funkstille zwischen uns. Nächtelang wälze ich mich nun schon nachts im Bett und überlege, was ich tun soll. Das Haus zu verkaufen kommt absolut nicht infrage. Wir sind hier so glücklich und ich habe so viel Herzblut hineingesteckt. Doch genauso schlimm wie die Geldsorgen ist das Gefühl, dass plötzlich alles um mich herum zu zerbrechen droht. Meine Eltern fehlen mir sehr und nun zerstört dieses Haus auch noch das Verhältnis zu meiner Schwester. Martin meint, notfalls müssen wir eben einen Kredit aufnehmen, um Marlene auszuzahlen. Ich hoffe sehr, dass wir eine Lösung finden, mit der wir alle leben können.

Das raten Experten
Erbengemeinschaft – Konfliktpotenzial Eine Erbengemeinschaft entsteht automatisch, wenn es mehrere Erben gibt – zum Beispiel Geschwister – und kein Testament des Erblassers vorhanden ist. Doch Experten raten dringend davon ab. Denn wenn mehrere Personen nur gemeinsam über die Verwendung des Erbes entscheiden dürfen, sind Streit und Konflikte programmiert. Mithilfe eines Testaments oder durch Schenkungen zu Lebzeiten kann die Bildung solcher Erbengemeinschaften verhindert werden. Damit der Erbe, wie im Fall von Sabine, durch die Auszahlung des Pflichtteils nicht in eine wirtschaftliche Notlage gerät, kann unter Umständen eine Stundung des Pflichtteils beantragt werden. Diese würde auch vor einer drohenden Veräußerung des Familienheims schützen.
Ehegatten-Testament Mit dem sogenannten Berliner Testament können Ehepartner den überlebenden Ehegatten vor Ansprüchen weiterer möglicher Erben schützen. Kinder und sonstige Verwandte erben erst dann, wenn auch der zweite Ehegatte verstorben ist. Doch Vorsicht: Kinder behalten dennoch ihre Pflichtteilansprüche. Dies kann unter Umständen dazu führen, dass der verbleibende Ehegatte in erhebliche Schwierigkeiten kommt, wenn er die Kinder in bar auszahlen muss. Die kann man jedoch mit entsprechenden Strafklauseln im Testament unterbinden. Solche Klauseln müssen unbedingt notariell beglaubigt werden. Der Haken bei hohem Nachlasswert: Fällt einem Kind das Erbe nach dem Tod beider Erblasser auf einmal zu, geht dem Kind sein persönlicher Freibetrag gegenüber einem der Elternteile verloren. Es muss dann nicht selten eine höhere Erbschaftssteuer zahlen. Mehr Infos: berliner-testament.net.
Verschenken statt vererben Damit kann man die Steuerlast der Erben mindern. Außerdem können Kinder finanzielle Mittel zum Beispiel zum Hausbau wesentlich besser gebrauchen, als wenn sie es irgendwann später einmal erben. Innerhalb von zehn Jahren nach der Schenkung haben andere Angehörige noch einen anteiligen Anspruch auf ihren Pflichtteil. Nach dieser Zehn-Jahres-Frist verfällt der Anspruch. Zudem sind Schenkungen zu Lebzeiten eine Möglichkeit, unliebsame Verwandte tatsächlich zu „enterben“. Der Gang zum Notar ist vor allem bei Schenkungen von Immobilien zwingend.

Habt ihr auch etwas erlebt, das ihr gern erzählen möchtet? Dann schreibt uns und wir machen einen Artikel mit professionellen Bildern daraus: Deine Geschichte in LISA