Einmischen oder nicht? Das raten Experten

Einmischen oder nicht? Das raten Experten

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©iStock/spukkato

Wenn die Kollegin trinkt oder Freunde sich streiten – soll man sich einmischen oder besser den Mund halten? Wir haben verschiedene Experten um Rat gefragt.

Müffelnder Kollege

Ein Kollege riecht unangenehm nach Schweiß. Sagt man da was? Wenn ja, wie?

Kommt die Geruchsbelästigung durch den Kollegen häufiger vor, sollten Sie ihn unter vier Augen auf das Problem ansprechen. Unangenehme Gespräche, insbesondere über sehr persönliche Angelegenheiten, führt man niemals vor dritten Personen. Angenehmer kann es für den Kollegen auch sein, wenn ihn eine gleichgeschlechtliche oder vertraute Person zur Seite nimmt. Bitte die Gespräche immer nur auf der gleichen Hierarchieebene oder mit Mitarbeitern niederer Ränge führen, niemals den Chef auf seinen Schweißgeruch aufmerksam machen.

Linda Kaiser, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen-Knigge-Gesellschaft

Weinendes Kind

Eine Mutter ist mit ihrem Kleinkind unterwegs.Die Kleine möchte unbedingt getragen werden und weint herzzerreißend. Die Mutter ignoriert sie und geht einfach weiter. Hilft es, wenn Außenstehende sich da einmischen?

Als Fremder sollte man da überhaupt keine Signale senden, weder verbal noch nonverbal. Das würde nur irritieren, sowohl das Kind als auch die Mutter. In Stress-Situationen ist man nicht aufnahmefähig beziehungsweise reagiert sehr emotional. Deshalb ist es selbst unter Freunden besser, sich in solchen Momenten rauszuhalten. Hat man allerdings das Gefühl, dass die Eltern öfter überfordert sind, kann man das in einer ruhigen Minute ansprechen und Hilfe anbieten.

Bodo Reuser, Diplom-Psychologe und stellvertretender Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung

Kollegin trinkt

Eine gute Kollegin hat offensichtlich ein Alkoholproblem. Sie schafft ihre Arbeit nicht mehr. Soll ich sie decken?

Nein. Einmischen ist hier gut, Vertuschen hilft hier keinem. Man sollte die Kollegin (in einem vertraulichen Rahmen!) ansprechen, aber ohne ihr Vorwürfe zu machen. Besser ist es, die eigene Sicht der Dinge zu erklären, sagen, dass man sich Sorgen macht und auf Hilfsangebote hinweisen. Verschlimmert sich die Situation, erneut auf die Betroffene zugehen und erklären, dass man mit dem Vorgesetzten sprechen muss, wenn sie es nicht selbst tut. Fällt jemand wegen einer Grippe aus, wird das ja auch offen angesprochen und die Arbeit umverteilt. Bei einer Sucht sollte das nicht anders sein. Sucht ist eine Krankheit.

Stefan Bürkle, Geschäftsführer Caritas Suchthilfe e. V.

Öffentlicher Streit

Ein Abendessen unter Freunden. Zwischen den Gastgebern herrscht dicke Luft. DieGastgeberin raunzt ihren Partner vor allen anderen an, dass er das Falsche eingekauft hat und man ihn echt zu nichts gebrauchen kann. Wie reagiert man richtig?

Hier kommt es auf die Art der Freundschaft, die bisherigen Erfahrungen der Freunde mit kniffligen Situationen und natürlich sehr auf den Tonfall, in dem die Kritik geäußert wurde, an. Ist die freundschaftliche Beziehung so vertraut und belastbar, dass sie eine Rückmeldung verträgt? Hat die Schelte der Gastgeberin einen eher harschen oder liebevoll-neckenden Charakter? Kenne ich das Paar und die derzeitige Paarsituation gut genug, um einzuschätzen, ob eine freundliche Parteinahme für den Gescholtenen oder eine humorvolle Ablenkung willkommen wäre?

Kerstin Engel, Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung (GwG)

Untreue

Eine gute Freundin wird von ihrem Partner betrogen. Sie ahnt nichts. Soll man sie aufklären?

Nein. Die Hoheit über den Umgang mit sexueller Treue oder Untreue liegt immer bei dem betreffenden Paar. Bei manchen Paaren gibt es dazu eine ausgesprochene Vereinbarung, bei anderen eine unausgesprochene. Als Außenstehende, selbst als Freundin, kenne ich diese Vereinbarung in der Regel nicht. So kann es unter Umständen sein, dass es eine „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“-Vereinbarung gibt, die ich dann mit meinem vermeintlichenFreundschaftsdienst torpediere. Das Bedürfnis, eine Freundin über eine sexuelle Außenbeziehung ihres Partners aufzuklären, fußt nicht selten auf meiner eigenen Vorstellung von moralisch korrektem Verhalten und bezieht sich nicht zwangsläufig auf das Wertesystem der Freundin. Habe ich den Eindruck oder die Gewissheit, dass meine Freundin sich von ihrem Partner geliebt und begehrt fühlt, sollte ich mich für sie freuen und mich nicht einmischen.

Kerstin Engel, Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutinund Vorstandsmitglied der Gesellschaft für PersonzentriertePsychotherapie und Beratung (GwG)

Rüpel in der Bahn

Der Sitznachbar legt in der Straßenbahn die Füße (in Schuhen) auf den gegenüberliegenden, freien Sitz. Darf man ihn zurechtweisen?

Selbstverständlich darf man denjenigen zurechtweisen, der sich in der Öffentlichkeit unhöflich verhält. ABER: Das sollte in moderatem Ton und mit sachlichen Argumenten geschehen. Auch den größten Rüpel sollte man nicht vor anderen bloßstellen, sondern mit klugen Worten zur Einsicht bewegen.

Linda Kaiser, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen-Knigge-Gesellschaft