Death Cleaning – die wohl extremste Form des Aufräumens

Death Cleaning – die wohl extremste Form des Aufräumens

Death Cleaning
©iStock/runna10

Alles soll so aufgeräumt sein, dass man morgen sterben könnte – damit die Hinterbliebenen möglichst wenig Arbeit haben. Das steckt hinter Death Cleaning. Zwei Frauen erzählen, warum sie so leben.

Death Cleaning – das Wort an sich klingt schon ziemlich hart. Ob man das Konzept hinter dem Aufräumen für den Tod auch extrem findet, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden…

Death Cleaning
©Privat

Carola ist kerngesund, verheiratete Mutter einer Tochter (Edwina, 22) und erfolgreiche Unternehmerin. Trotzdem sortiert sie seit fünf Jahren konsequent ihre Wohnung aus, ordnet Erinnerungsstücke oder gibt Dinge weiter, die sie nicht mehr braucht – von Büchern über Tupperdosen bis hin zu Geschirr. Sie bereitet ihr Zuhause auf den Tod vor, auch wenn der vermutlich noch weit entfernt ist: „Ich möchte nicht als die Frau mit dem Ballast in Erinnerung bleiben, sondern als die Frau, die ich bin“, sagt Carola. Und dafür braucht es dann später vielleicht sogar nur noch zwei oder drei Kisten.

Besondere Berufung

Ordnung und Struktur liebt Carola, seit sie denken kann. „Schon meine Kuscheltiere mussten früher in einer ganz bestimmten Reihenfolge auf dem Bett sitzen“, lacht die Bielefelderin. Kein Wunder, dass sie vor 15 Jahren diese Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und seitdem erfolgreich als Ordnungsexpertin die Haushalte von Familien, Erbengemeinschaften oder auch Messies auf Vordermann bringt.

Doch genauso wie Ordnung liebte die gelernte Handelsassistentin auch hübsche, dekorative Stücke und vor allem Mode. „In meiner eigenen Wohnung wurde dafür früher jeder Zentimeter Schrankplatz ausgenutzt“, erzählt Carola. „Und ich kann wirklich unglaublich kompakt verstauen!“

Schlüsselmoment

Alles ändert sich jedoch schlagartig, als ihre Mutter 2013 unerwartet verstirbt. Carola muss den Haushalt auflösen. „Meine Mutter gehörte zu der Generation, die all ihren Besitz aus den Lebensjahren wertschätzte und liebevoll überall im Zuhause arrangierte.“ Das Ausräumen der Wohnung ist für Carola eine nostalgische Reise in die Vergangenheit, aber gleichzeitig auch eine persönlich kräftezehrende Belastungsprobe. Es fällt ihr nicht leicht, die unzähligen kleinen Stücke, das Porzellan und die Fotos auszusortieren, an denen die Mutter hing. „Das will ich meiner eigenen Tochter auf keinen Fall aufbürden“, sagt sie. „Die jungen Leute sollten heutzutage frei sein dürfen von der Bindung an Dinge.“

Als ihr dann letzten Herbst durch Zufall das Buch der Schwedin Margareta Magnusson in die Hände fällt, das sich mit dem konsequenten Ausmisten vor dem Tod beschäftigt, fühlt sie sich sofort verstanden. „Es war, als würde sich plötzlich eine Tür öffnen.“ Seitdem durchkämmt sie regelmäßig neue Bereiche in der Wohnung, nimmt jedes einzelne Stück in die Hand und fragt sich, warum sie es hat, prüft, ob sie es wirklich braucht. Nur was wirklich ihr Herz berührt, darf bleiben. Der Rest kommt weg. So wie zuletzt ihre alten Schulzeugnisse. Carola sorgt aber auch vor für die Zeit nach ihrem Tod – von der Patientenverfügung über Passwort-Listen bis hin zu einem Plan, wie sie bestattet werden möchte.

Befreiung

Dass das Ausmisten und Vorbereiten auf die Zeit nach dem Tod auch eine ständige Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit ist, findet Carola nicht schlimm. Ganz im Gegenteil. „Es ist sogar richtig befreiend, es macht mich stark. Wer weiß schon, ob ich in zehn Jahren noch die Kraft dazu habe, auszusortieren. Dann sind andere für meinen Kram verantwortlich und ich habe keine Kontrolle mehr über die Dinge, die mir wichtig sind und die an mich erinnern sollen“, sagt Carola.

Ihr Mann Heiner (56) und Tochter Edwina respektieren Carolas Vorhaben – auch wenn sie es im Alltag mitleben. „Die beiden haben ihre eigenen Ecken mit Kram, da fasse ich auch nichts an, auch wenn ich es immer mal wieder anbiete“, schmunzelt sie.

Was wirklich zählt Am Ziel ist Carola mit dem Ausmisten noch lange nicht. Schließlich soll das Ganze auch Spaß machen, ganz ohne Druck. Ihren Konsum – vor allem was Kleidung oder Deko angeht – hat Carola eingeschränkt. „Klar gönne ich mir hin und wieder was Neues. Aber im Zweifel mache ich von dem Geld dann doch lieber eine schöne Reise“, sagt sie. „Am allerwichtigsten ist mir sowieso die Zeit mit meiner Familie – und keine materiellen Besitztümer, die mich am Ende doch bloß belasten“, weiß Carola.

Death Cleaning
Die Schwedin hat über Death Cleaning ein Buch geschrieben
©Alexander Mahmoud

Margareta Magnusson (80): „Niemand soll später die Last haben, hinter mir aufräumen zu müssen“

Döstädning“ (im Engl. auch „Death Cleaning“ genannt) steht für eine Kombination aus den Wörtern „sterben“ und „Sauberkeit“ – und bedeutet für die rüstige Schwedin Margareta die Kunst, Ordnung ins Leben zu bringen. Ihr Credo: Alles soll so aufgeräumt sein, dass man morgen sterben könnte, ohne dass die Hinterbliebenen viel Arbeit mit den eigenen Sachen haben. „Ich möchte niemandem die Last aufbürden, hinter mir aufzuräumen.“

Und so sortiert Margareta: Alles, was nur für sie selbst einen Wert hat, kommt in eine Kiste mit dem Hinweis „Einfach wegwerfen“. Dinge, die schwierig aufzulösen sind, wie Bücher oder ungeordneter Kram in Schubladen, versucht sie, erst gar nicht anzusammeln.

Aufräum-Inspiration

Margareta hat mit dieser vielleicht morbid und radikal anmutenden Lebensphilosophie einen wahren Trend bei Jung und Alt ausgelöst. Denn indem man den Haushalt für den eigenen Tod entrümpelt, lebt es sich im Hier und Jetzt deutlich befreiter, finden die 80-jährige Künstlerin und ihre Anhänger. Über ihre ungewöhnliche Methode hat sie kürzlich ein Buch geschrieben: „Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen“ (S. Fischer Verlag).*

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