Crossdresser: Manchmal ist Thomas einfach Frau

Crossdresser: Manchmal ist Thomas einfach Frau

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Crossdresser
©privat

Thomas* ist verheiratet und lebt ganz normal als Mann. Doch an manchen Tagen verlangt die weibliche Seite in ihm nach ihrem Recht. Dann trägt er Kleid und Pumps – und genießt die Blicke. LISA hat der Crossdresser seine Geschichte erzählt.

Ein warmer Frühlingsnachmittag, wie gemacht für einen Bummel in der Wiener Innenstadt. Ich trage ein lachsrosa Kleid. Ein Gürtel akzentuiert die schmale Taille, der weit schwingende Rock betont die weiblichen Rundungen, ein Chiffonschal kaschiert die etwas zu breiten Schultern.
Plötzlich lächelt mich ein junger Passant an und sagt: „Très belle, Madame!“ Schüchtern erröte ich, bedanke mich mit einem „Merci beaucoup“ und freue mich über das Kom­pliment. So weit, so normal. Nicht normal ist
jedoch, dass ich keine Frau bin und mich auch nicht zu Männern hingezogen fühle. Ich bin ein Crossdresser.

Aufgewachsen bin ich ganz behütet

In einer mittelgroßen Stadt in Österreich als Sohn eines warmherzigen Vaters und einer etwas dominanten Mutter. Schon früh begann ich, meine zwei älteren Schwestern um ihre Garderobe zu beneiden. Als ich mit sechs oder sieben Jahren einmal allein zu Hause war, zog ich ein Kleid meiner Schwester an, bewunderte mich im Spiegel und stellte mir vor, wie es wäre, ein Mädchen zu sein. Bis auf mein schlechtes Gewis­sen, etwas Ungebühr­liches zu tun, hat mir das richtig gut gefallen. Seitdem habe ich jede Gelegenheit genutzt, mich in ein weibliches Wesen zu verwan­deln. Anvertraut habe ich mich niemandem. Dazu habe ich mich zu sehr geschämt.

Es war schön, hübsche ­Kleider zu tragen

Einerseits wollte ich ein Mädchen sein, das auch mal schwach sein und weinen darf. Auf der anderen Seite war ich dann wieder der Junge, der es liebte herumzutollen und der auch gern den Helden spielte.
Diese Ambivalenz ist bis heute geblieben. Meine weibliche Seite war und ist sehr stark und viele Jahre habe ich davon geträumt, sie auch außerhalb der vier Wände auszuleben. Leider war ich dafür viel zu lange zu feige.

Zum Studieren zog ich nach Wien – eine Großstadt mit allen Möglichkeiten

Nach einigen kürzeren Beziehungen lernte ich ­meine Frau kennen, mit der ich seit vielen Jahren eine sehr liebevolle und glückliche Bezie­hung führe. Dem mag widersprechen, dass ich ihr mein weibliches Alter Ego, das ich ­Nadine nenne, verheimliche. Aber die Angst, sie durch ein Outing zu verletzen, ihren ­Respekt oder sie sogar ganz zu verlieren, ist größer als der innige Wunsch, diese andere Seite mit ihr zu teilen.
Seit 18 Jahren sind wir nun verheiratet. Und es gab schon Momente, in denen ich überlegt habe, es ihr zu sagen. Aber immer wenn es konkret werden könnte, verlässt mich der Mut. Nadine kann ich gut verstecken, weil ich als selbstständiger Ingenieur mein eigenes Büro habe. Dort steht der Schrank mit ­meinen Frauenkleidern. Und dort sitze ich auch als Nadine – wenn ich keinen Kundenverkehr oder Besuch habe.

Auf die Straße habe ich mich als Frau erst vor sieben Jahren getraut

Es war ein unglaublich schönes Erlebnis, im Kleid unter die Leute zu gehen und den Wind an den bestrumpften Beinen zu spüren. Das Überraschendste war jedoch, dass sich nicht die Erde vor mir aufgetan hat. Kein Passant hat mit dem Finger auf mich gezeigt oder mich ausgelacht. Alles war ganz normal und ich habe mich fast wie eine Frau gefühlt. Dieses wunderbare Erlebnis hat natürlich Lust auf mehr gemacht. Und so versuche ich, mich so oft wie möglich in Nadine zu verwandeln und spazieren, shoppen oder essen zu gehen. Höhe­punkt war im Frühjahr 2015 ein vier­tägiger Städtetrip nach Dresden, den ich ausschließ­lich als Frau verbracht habe.

Mir tut es gut, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen

Dafür gehe ich in einen ­Verein für Transgender-Personen. Die „Präsidentin“ Alexandra ist für mich eine sehr gute Freundin geworden. Außerdem führe ich einen Blog über mein Leben als Crossdresser (nadinecd.blogspot.co.at). Dadurch habe ich auch virtuelle Freundschaften geschlossen. Natürlich besteht die Gefahr, dass meine Frau meinen Blog entdeckt, wenn es auch relativ unwahrscheinlich ist.
Für mich ist meine weibliche Seite eine unglaub­liche Bereicherung. Und nicht zuletzt werde ich durch meine feminine Seite auch im normalen Leben als rücksichtsvoller und einfühlsamer Mann wahrgenommen.

*Name von der Redaktion geändert

-> Mehr über Nadine lest ihr im Blog Nadine’s Crossdressing Abenteuer.

Crossdressing, Transgender & Co – Was ist das eigentlich?

Bei den vielen Begriffen und ­fließenden Übergängen fällt es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Hier eine kleine Begriffskunde:

  • Crossdressing (frei übersetzt: „über Kreuz anziehen“) bezeichnet Menschen, die aus diversen Gründen ­Kleidung des anderen Geschlechts tragen. Bei uns wird dafür auch oft der Begriff Transvestitismus benutzt.
  • Travestie ist die Kunstform, einen Menschen des anderen Geschlechts auf der Bühne darzustellen, oft auch übertrieben. Prominentes Beispiel ist Dragqueen Olivia Jones.
  • Transgender (im Dt. auch Transsexuelle genannt) sind Menschen, die sich ihrem angeborenen Geschlecht nicht zugehörig fühlen. Sie wollen als das andere Geschlecht leben.