Alleinerziehende und alleingelassen – 3 Leserinnen erzählen

Alleinerziehende und alleingelassen – 3 Leserinnen erzählen

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Alleinerziehende
©iStock/StockPlanets

Sie sind Ernährerin, Berufstätige und Hausfrau in einem: alleinerziehende Mütter. Drei Leserinnen erzählen von Momenten der Verzweiflung und dem Kampf mit Vätern, die sich aus der Verantwortung stehlen.

Alleinerziehend zu sein ist in Deutschland keine Seltenheit mehr: 2014 zählte das Statistische Bundesamt 2,3 Mio. alleinerziehende Frauen (rund 90 % aller Alleinerziehenden). Und es werden immer mehr. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung stieg diese Zahl in Deutschland seit 1996 um 25 Prozent. Gleichzeitig ist die traditionelle Familienkonstellation Vater, Mutter, Kind rückläufig. Doch in der Politik ist dieser Fakt noch lange nicht angekommen: Das fängt beim fehlenden Ausbau der Ganztagsbetreuung an – und hört bei schlechteren Job-Chancen für alleinerziehende Mütter auf.

Obwohl nach der Bertelsmann Studie 70 Prozent der Alleinerziehenden arbeiten gehen – davon 45 Prozent in Vollzeit – bewegen sich viele der Ein-Eltern-Familien an der Armutsgrenze. Dazu tragen auch ausbleibende Unterhaltszahlungen bei.  Nur jede vierte Frau bekommt demnach das, was ihr per Gesetz zusteht. LISA sprach mit drei alleinerziehenden Frauen über ihren täglichen Kampf.

„Alleinerziehende sein ist ein ständiger Kraftakt“

Wann sie das letzte Mal nur etwas für sich gemacht hat? Darüber muss Christine Finke (50) eine Weile nachdenken. „Das war vor ein paar Wochen, mein Ex-Mann hatte die beiden Großen, und die Kleine war drei Stunden bei einer Freundin. Ich war bloß Schuhe kaufen – es war herrlich.“ Seit der Trennung von ihrem Mann 2009 zieht die Redakteurin ihre drei Kinder (heute 7, 10 und 15) allein groß. „Die Bedingungen waren denkbar schlecht. Mein Ex-Mann und die Großeltern wohnten mehrere Autostunden entfernt, ich verlor meinen Job.“ Christine bekommt Unterhalt, aber die vierköpfige Familie bewegt sich dennoch gerade so über dem Existenzminimum. Sie bezieht Wohngeld, muss Unterstützung für die Kita-Plätze beantragen. Christine machte sich 2012 als Autorin selbstständig. „Klar, mit Mitte 40 und drei kleinen Kindern sieht es auf dem Arbeitsmarkt schlecht aus.“

Wie prekär die Lage für berufstätige Alleinerziehende ist, zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung. Demnach beziehen selbst gut ausgebildete Alleinerziehende deutlich länger Arbeitslosengeld II (Hartz 4) als Kinderlose. Christine baute sich zwischen Kita, Spielplatz und Haushaltspflichten nach und nach einen Kundenstamm auf. Heute engagiert sie sich als Stadträtin in Konstanz für Familien und setzt sich in ihrem Blog mama-arbeitet.de für Alleinerziehende ein. Sie fordert: „Bewundern Sie Alleinerziehende für das, was sie alles schaffen, anstatt nur zuzusehen, was hinten runterfällt.“

„Kann ich Ben den Papa ersetzen?“

„Ben hat jetzt nur noch mich“, seufzt Svenja Zirchow (34)*. Sie lebt das klassische Familienmodell, bis ihr Lebensgefährte Michael vor fünf Jahren stirbt. „Da war Ben war gerade ein Jahr alt.“ Auf dem Boden der Tatsachen. „Ich hatte am Anfang gar keinen Überblick über unsere Finanzen. Da das recht gute Gehalt von Michael wegfiel, war schnell klar, dass wir in eine kleinere Wohnung ziehen mussten.“ Auch die private Tagesmutter fiel weg. „Ich ging damals für 1300 Euro brutto als Bürokraft in Teilzeit arbeiten, der Hauptverdiener war eben Michael gewesen“, erzählt Svenja. Sie informiert sich, recherchiert, was ihr zusteht – und beantragt eine Halbwaisenrente für Ben. Die beiden bekommen rund 200 Euro Rente plus Kindergeld. Das Geld ist trotz Jobs oft knapp.

Svenja geht es wie vielen Ein-Eltern-Familien: Trotz Arbeit reicht das Einkommen nicht aus, wie die Bertelsmann-Studie herausfand. Und wenn sie mal zu Hause bleiben muss, weil Ben krank ist, fürchtet sie um ihren Job. „Wir brauchen jede Hilfe. Mit Gehalt, Rente und Kindergeld kommen wir jetzt gerade so über die Runden. Und zum Glück unterstützen uns meine Eltern, wo sie können.“ Aber neben den täglichen Geldsorgen beschäftigt die 34-Jährige noch etwas ganz anderes: „Wie wird sich Ben entwickeln, so ganz ohne Vaterfigur? Kann ich ihm gleichzeitig Papa und Mama sein?“

„Manchmal müssen wir von 300 Euro leben“

Wenn Bärbel Gruner (44)* über ihren Alltag spricht, sieht man ihr an, wie viel Kraft er sie kostet. Die gelernte Krankenschwester lebt getrennt von den Vätern ihrer Kinder Dennis (17) und Sophie (14). „Von Dennis’ Vater bekam ich nach der Trennung 2001 nur sporadisch Geld. Mal 150, mal nur 70 Euro. Sophies Vater zahlte von Anfang an gar nichts. Wir bekamen Unterhaltsvorschuss und lebten seit ihrer Geburt von Sozialhilfe und Hartz 4. Ich habe zwar versucht, über das Gericht einen Unterhaltstitel zu erwirken, dann hätten wir zumindest regelmäßig Geld bekommen. Aber bei ihm war nichts zu holen.“

Rechtsexperten raten Müttern dennoch, immer einen Unterhaltstitel zu erwirken, selbst bei regelmäßigen Zahlungen. So haben sie immer ein rechtskräftiges Druckmittel in der Hand, falls der Vater die Zahlungen einstellt oder irgendwann wieder liquide sein sollte. 2006 geht Bärbel wieder arbeiten. Erst Teil-, später Vollzeit. Schichtdienst im Krankenhaus. Ohne Unterstützung ein schwieriges Unterfangen für die Mutter. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis nichts mehr ging.“ 2011 erleidet sie einen schweren Nervenzusammenbruch.

„Seit ich krankheitsbedingt in Rente bin, wurde es finanziell für mich noch schwieriger. Die Kinder sind größer und damit auch ihre Wünsche … Manchmal bleiben uns zu dritt nur 300 Euro zum Leben. Da überlege ich zweimal, ob neue Kleidung oder Schuhe wirklich sein müssen. Um Beihilfe für die Klassenfahrten von Dennis und Sophie zu erhalten, bin ich aber immer noch ‚zu reich‘“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Bärbel steckt oft zurück. Wie für viele Alleinerziehende kommen auch für sie die Kinder zuerst. Sie sagt aber auch: „Es ist schwierig, immer die einzige Bezugsperson zu sein. Dennis und Sophie mussten früher erwachsen werden als ihre Altersgenossen. Ich bin sehr stolz auf sie. Erst letzte Woche war ich das erste Mal wieder im Kino. Mit meinem Großen. Eines weiß ich: Wir halten zusammen, egal was kommt.“

*Namen von der Redaktion geändert

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