Alkoholsucht: „Bier und Wodka brachten mich durch den Tag!“

Alkoholsucht: „Bier und Wodka brachten mich durch den Tag!“

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Alkoholsucht, Karin Brodde
© M.I.G./LISA/André Chales de Beaulieu

LISA-Leserin Karin Brodde (54) ist trockene Alkoholikerin. Heute spricht sie ganz offen über ihre Alkoholsucht und die schlimmste Zeit ihres Lebens.

Jedes Jahr sterben in Deutschland 74 000 Menschen an den Folgen ihrer Alkoholsucht. Doch nicht immer ist diese Abhängigkeit ein auswegloses Schicksal. LISA-Leserin Karin Brodde ist eine derjenigen, die den Weg heraus geschafft haben. Auch wenn es lange ganz anders für sie aussah …

Es ist Vormittag und stickig im Schlafzimmer

Das geschlossene Fenster ist mit einem dunklen Laken verhangen, damit kein Sonnenstrahl in den Raum fällt. Wieder liegt eine Nacht ohne Schlaf hinter Karin. Ohne Elan steht sie auf, lüftet das Zimmer und erledigt die notwendigsten Dinge im Haushalt. Doch ihre depressive Stimmung will nicht weichen. Um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, geht sie an den Kühlschrank, öffnet sich ein Bier und setzt sich vor den Fernseher. Etwas Süßes fehlt. Also trinkt sie zwei Schnapsgläser Wodka mit Feige dazu und hofft zu vergessen, was sie im Grunde längst weiß: dass sie Alkoholikerin ist.

Alkoholsucht, Karin Brodde
„Mit Alkohol war ich das Gegenteil von mir“, so die 54-Jährige. Heute ist Karin wieder ganz sie selbst © M.I.G./LISA/André Chales de Beaulieu

Es fing langsam, ja schleichend an

Erst waren es zwei, drei Bier, dann kam der süße Schnaps dazu. „Richtig regelmäßig wurde der Konsum, als zwei meiner drei Kinder aus dem Haus waren, so mit Ende 40“, erzählt die Hausfrau aus der Nähe von Celle offen. Karin wird zur Tag-Trinkerin, vom späten Vormittag bis zum frühen Abend. Niemand ist da, der sie abhält. Auch ihr Mann nicht. Manchmal fühlt sie sich mit ihren Alltagsproblemen alleingelassen – und greift zur Flasche. Doch die heute 54-Jährige betont, dass es nicht diesen einen Grund gab, der sie zur Alkoholsucht brachte: „Das ist ein schleichender Prozess.

„Die kleinen Schlucke Wodka zählst du nicht.“

Und wenn dir bewusst wird, wie viel du trinkst, ist es zu spät.“ Zwischen 2010 und 2012 ist Karin auf dem Höhepunkt ihrer Sucht. Pro Tag trinkt sie vier Flaschen Bier und anderthalb Flaschen Wodka-Feige. Sie zieht sich immer mehr zurück und verlässt kaum noch die Wohnung.

Dann beginnt der Alkohol, seine ersten Tribute zu fordern

Alkoholsucht, Karin Brodde
Im April 2012 war Karin vom Alkohol noch richtig aufgedunsen. Zwei Monate später schaffte sie den Absprung © Privat

Jede Nacht kämpft Karin mit Angstzuständen. „Der Alkohol vernebelte meine Gedanken. Ich bekam grundlos Panik, tot in der Wohnung zu liegen.“ Ein Bier am Morgen bringt sie wieder in die Spur. Ihr Mann sieht die leeren Flaschen am Abend, doch er lässt den Dingen seinen Lauf. „Er wollte es nicht wahrhaben. Er stand dieser Sache hilflos gegenüber.“ Auch Karins Appetit lässt nach. Irgendwann ernährt sie sich nur noch „flüssig“. Ihr Körper ist aufgedunsen, ihr Bauch so stramm wie ein Medizinball. Am siebten Tag ohne Nahrung sucht sie ihren Hausarzt auf. „Er sollte mir Präparate für die fehlenden Nährstoffe verschreiben.“ Er überweist
Karin sofort ins Krankenhaus. Die Diagnose: Lebervergiftung. Ein Schock für Karins Mann, der zu Hause zusammenbricht. „Er fühlte sich schuldig, weil er nichts gesagt hatte. Aber ich machte ihm klar, dass ich die Flaschen immer noch selbst geöffnet hatte!“ Karin dagegen wird immer ruhiger, trinkt ein letztes Bier und drei Wodka – und kippt den Rest in die Toilette. Sie schwört sich: „Jetzt nie wieder!“

Am Tag darauf geht sie ins Krankenhaus

Es ist der 12. Juli 2012. Als ihr der Chefarzt sagt, dass 98 Prozent aller Alkoholiker rückfällig werden, sagt Karin nur: „Dann gehöre ich zu den anderen zwei Prozent!“ Ihr Wille ist enorm. Sie möchte endlich wieder die Frau werden, die sie einst war: selbstbewusst, fröhlich, stark. Während ihres zwölftägigen Aufenthalts wird sie entwässert, verliert 14 Kilo, und weil der Druck auf ihren Magen abnimmt, kehrt auch endlich ihr Appetit zurück. Bevor sie entlassen wird, überlegt sie, wie sie es schafft, nicht in den alten Trott zurückzufallen. Sie fertigt eine „2 %-Liste“ an, auf der vier Dinge stehen, die sie künftig machen möchte:

  1. unter Leute gehen
  2. selbst einkaufen fahren
  3. ein Fahrrad kaufen
  4. einen PC-Lehrgang machen und mit dem Schreiben anfangen.
Alkoholsucht, Karin Brodde
Das Schreiben erfüllt Karins Leben mit Freude. Manche ihrer Geschichten hat sie auch schon für die LISA-Schreibwerkstatt eingereicht © M.I.G./LISA/André Chales de Beaulieu

Zu Hause arbeitet sie einen Punkt nach dem anderen ab

Sie geht mit dem Hund spazieren und lässt alte Freundschaften aufleben. Staunend wie ein Kind entdeckt sie die Welt des Internets, schreibt Geschichten über das Leben einer ganz normalen Frau. Karin spürt wieder, wie bunt und ausgefüllt das Leben sein kann. „Manchmal frage ich mich, woher ich die Zeit zum Trinken genommen hatte. Heute ist mein Tag nicht
lang genug“, sagt sie und lacht. Seit dem 12. Juli 2012 hat Karin keinen Alkohol mehr angerührt – auch nicht bei Problemen.

„Ich habe begriffen, dass man sich das Leben nicht schön trinken kann. Es gibt für alles eine Lösung, aber Alkohol ist der falsche Weg.“

Auf die Frage, ob sie stolz auf sich ist, schüttelt sie vehement den Kopf. „Ich bin nicht stolz, ich bin glücklich. Jeder kann die Sucht bekämpfen, wenn er nur selbst will!“

Unterschätzte Gefahr
96 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren trinken Alkohol. Und längst nicht alle kennen ihre Grenzen.
Wann wird Alkoholkonsum gefährlich?
Rund 1,8 Millionen Deutsche sind alkoholabhängig. Für Frauen wird es ab einer Menge von 40 bis 80 Gramm Reinalkohol pro Tag gefährlich. Zur Orientierung: Ein Glas Wein (0,2 l) entspricht 16 g Reinalkohol.
Wo finden Betroffene Hilfe?
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet unter 02 21/89 20 31 ein Info-Telefon für Suchtkranke an.