Nachhaltigkeit, Ökologie und Genuss: Biobauernhof

Nachhaltigkeit, Ökologie und Genuss: Biobauernhof

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Nachhaltigkeit Bäuerin Lebensgarten Dreisamtal
Christina, Clara und Steffi sorgen für leckeres Gemüse © M.I.G./LISA/Marc Doradzillo

Nachhaltigkeit und Gemeinschaft: In Zeiten, in denen auch „Bio“-Gemüse häufig ohne Erde und maschinell angebaut wird, geht ein Gärtner-Team bei Freiburg andere Wege.

In Kirchzarten bei Freiburg (Baden-Württemberg) bekommen auch überzeugteste Stadtmenschen Lust aufs Gärtnern im Grünen! Zwei junge Frauen arbeiten hier seit 2012 mit wechselnden Hilfen, aber vor allem im Einklang mit der Natur und im Sinne der Nachhaltigkeit. Und das in einer besonderen Gemeinschaft: Der „Lebensgarten Dreisamtal“ ist eine „Solidarische Landwirtschaft“ (Abk.: „Solawi“). Der Hof finanziert sich über zahlende Mitglieder. Mit deren Beitrag werden u. a. die Gärtnerinnen und das Saatgut bezahlt. Im Gegenzug erhalten die Mitglieder jede Woche eine Gemüsekiste. Im Sommer prall gefüllt mit bis zu acht Kilo Gemüse: Gurken, Zucchini, Rote Bete, Tomaten oder Kräuter. Im Winter ist die Kiste etwas kleiner, aber immer superfrisch und vor allem so richtig lecker.

Ohne Hof, aber mit Idee

Das Sagen auf den zwei Feldern der „Solawi“ haben die gelernten biologisch-dynamischen Gärtnerinnen Steffi Kolarov und Clara Stützle. Hilfe bekommen sie z.B. von Praktikanten wie Christina Weber. „Wir sind wirklich schnell gestartet. Wir hatten keinen Hof, eigentlich hatten wir gar nichts! Wir waren nur eine Gruppe von Leuten mit einer Idee und dem Interesse, sie umzusetzen“, sagt Steffi mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht. Hilfe bekamen sie anfangs von Kollegen aus der Umgebung. „Ein Demeter-Gärtner stellte uns sofort 0,3 Hektar Land zur Verfügung, der Himbeer-Bauer von nebenan unterstützte uns ebenfalls mit Land und mit Maschinen. Zudem zahlte jedes Mitglied beim Einstieg eine einmalig Einlage von 200 Euro. Davon kauften wir Werkzeug, Kisten etc. Und los ging’s.“

Jede Menge Gemüse

Nachhaltigkeit Interview LISA Gemüse
Redakteurin Adina (M.) im Gespräch mit Steffi (l.) und Clara © M.I.G./LISA/Marc Doradzillo

Immer Anfang des Jahres planen die Frauen, wie viel Gemüse sie anbauen, welche Anschaffungen anstehen und was das kosten wird. Jedes Mitglied (ca. 70) bietet dann verdeckt, was es zu der Gesamtsumme beitragen möchte, und zwar so lange, bis das Jahresbudget steht. Zudem wird ein Mittelwert berechnet. Aktuell sind das 75 Euro pro Monat. Diesen Betrag zahlen dann all diejenigen, die später im Jahr einsteigen. Auf den ersten Blick kein kleiner Betrag, aber vor allem im Sommer gibt es dafür viel Gemüse – direkt vom Erzeuger und ohne Chemie. „Die Idee ist, dass eine komplette Familie damit auskommt, ohne im Supermarkt zukaufen zu müssen. Oder man teilt sich die Mitgliedschaft: halber Beitrag, halbe Kiste“, sagt Clara und betont im Interview nochmals: „Wir spritzen nicht. Wir bauen die Pflanzen nach einem intelligenten System an, bei dem sie sich gegenseitig begünstigen.“

Nix gegen verliebte Möhren

„Bei uns spielen übrigens Normgrößen des konventionellen Anbaus keine Rolle. Gurken dürfen krumm, zwei Möhren verliebt ineinander verschlungen sein.“ Clara lacht. Sie kennt die rund 50 angebauten Gemüsearten und Kräuter genau. Jede Woche lässt sie sich leckere Rezepte dafür einfallen. Neben Infos zu anstehenden Arbeiten werden diese im E-Mail-Newsletter „Bericht vom Acker“ veröffentlicht, der an die Mitglieder verschickt wird. Man findet sie aber auch unter lebensgarten-dreisamtal.de.

Mitmachen erwünscht

Nachhaltigkeit Gemüse Biologisch Demeter
Gemüse wird im Lebensgarten nach Demeter-Standards angebaut © M.I.G./LISA/Marc Doradzillo

Für Mitglieder wie Volkhard und Ines, die gerade voller Elan an den Beeten arbeiten, hat die Solawi neben der wöchentlichen Vitaminration ein weiteres Plus: „Wir kommen zum Mitgärtnern. Das entspannt und macht Spaß!“ Hierzu ist übrigens jeder willkommen. Bäuerin Steffi freut es sehr, dass „manchmal Leute aus Freiburg kommen, die den Bürostuhl gegen die Schaufel tauschen wollen, oder Urlauber, die von uns gehört haben. Ich finde es wichtig, dass der Hof offen für alle ist.“ Passive Mitglieder werden aber ebenso sehr geschätzt. Clara erzählt, dass es sogar Leute gibt, die den Hof mit Geld unterstützen, ohne die wöchentliche Erntekiste zu wollen. „Die haben selbst einen großen Garten, finden aber unsere Idee so toll, dass sie sich daran beteiligen möchten.“ Regelmäßig vor Ort im Dreisamtal sind 25 Mitglieder, bei Sonne sind es mehr, bei Regen weniger. Vor allem Frauen kommen zum Mitgärtnern und bringen dann ihre Kinder mit. Und der Nachwuchs ist sogar ausdrücklich erwünscht. Steffi, die auch Pädagogin ist, gibt ihr Wissen gern weiter. „Mein zweiter Job als Lehrerin hilft, nicht ungeduldig zu werden, wenn Arbeiten mal länger dauern. Das Pädagogische und das Gärtnern passen wirklich gut zusammen.“

 

Kostprobe gefällig?

„Sollen wir euch fürs Foto eine Gemüsekiste packen?“, fragt Clara am Ende des Gesprächs, „das sieht so schön aus!“ Klar, bei den Farben! Und weil ein Prinzip des Lebensgartens ist, niemals etwas wegzuwerfen, dürfen LISA-Redakteurin und Fotograf nach dem Shooting zugreifen. Ein Angebot, das wir einfach nicht ausschlagen können…

 

Was bedeuten Demeter, Solawi und Co?

Demeter steht für Produkte einer genau reglementierten biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise. Demeter-Bauern müssen z. B. 10 % Hecken oder Wiesen anlegen, die Nützlinge wie Bienen anlocken. Mehr unter demeter.de.

Solidarische Landwirtschaft e. V.: Das Netzwerk der Solidarhöfe in Deutschland bietet unter solidarische-landwirtschaft.org eine Plattform für Erzeuger und Verbraucher. Hier gibt’s Tipps, wie man eine „Solawi“ gründet, und wo es Mitmachmöglichkeiten gibt.

CSA steht für „Community Supported Agriculture“ (dt.: gemeinschaftlich getragene Landwirtschaft) und entstand in den 80er-Jahren in den USA. In Japan ist das System noch älter, die „Teikeis“ gibt es seit den 60er-Jahren.

Obstkisten: Keine Lust, irgendwo Mitglied zu werden? Kein Problem: Viele Bauern liefern Obst- und Gemüsekisten frei Haus. Einfach vor Ort nachfragen oder online Angebote checken, z.B. unter bio-berlin-brandenburg.de; oekokiste-leipzig.de. obstkiste24.de liefert den gesunden Snack direkt ins Büro.

Hofläden: Viele Höfe verkaufen ihre Waren in angeschlossenen Läden. Unter erzeuger-direkt.de kann man einen Hofladen in seiner Nähe oder gezielt nach Produkten suchen.