Gesund leben – was heißt das eigentlich?

Gesund leben – was heißt das eigentlich?

von -
Gesund leben
©iStock/Yuri_Arcurs

Gesund leben. Und lange. Das wollen wir alle. Aber was bedeutet das? Wir haben eine Psychologin, einen TCM-Arzt, einen Sport- und einen Ernährungswissenschaftler gefragt. Die spannenden Antworten:

„Manchmal ist Kranksein gesund“

Gesund leben, TCM Arzt
Dr. Schminke ©PR

Dr. Christian Schmincke ist Chefarzt der Klinik am Steigerwald und Experte für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM).

Herr Schmincke, wie erkennen Sie, ob jemand gesund lebt?

„Wir machen sehr intensive Anamnesen, indem wir nach den Grundfunktionen fragen: Ein guter Schlaf ohne Hilfsmittel ist ganz wichtig. Wir fragen, ob der Patient maßvoll und nicht zu viele ungute Dinge isst, ob er sich bewegt und ob er seine Ausscheidungstätigkeit ernst nimmt. Es gibt viele Frauen, die sich morgens keine Zeit lassen, dann ist der Darm unglücklich. Zudem ist die seelische Gesundheit wichtig. Dazu gehört, dass  man imstande ist, sich zu freuen, auch mal zu trauern und Problemzonen, die man zwischen sich und seinen Mitmenschen wahrnimmt, auch anspricht, also eine gewisse Konfliktfähigkeit, emotionaler Tiefgang und eine lebendige Kommunikation. Da hapert es oft.“

Sind es diese sozialen Probleme, die uns verstärkt krank machen?

„Das geht oft Hand in Hand: Ein nicht gelöster sozialer Konflikt kann das Immunsystem so beeinflussen, dass es auch nicht mehr konfliktfähig ist. Und umgekehrt. Wenn z.B. jemand 20 Jahre keine Erkältung mehr hatte, dann stimmt  irgendetwas nicht. Eine gute Erkältung ist ein Jungbrunnen – immunologisch und psychologisch.“

Wenn es mal nicht gut geht, hilft auch ein Bier ©iStock/MarkGillow
Wenn es mal nicht gut geht, hilft auch ein Bier ©iStock/MarkGillow

Also ist Kranksein gesund?

„In manchen Fällen schon. Ein Muskelkater nach dem Sport etwa. Dass körperliche Bewegung, auch bis an die Grenze, gut ist, um Krisen durchzustehen, ist ja mittlerweile Gemeingut. Und auch das Immunsystem muss Krisen durchstehen. Dazu gehört, dass man ein Fieber mal aushält und nicht gleich mit Antibiotikum behandelt.“

Gibt es noch andere Krankheiten, bei denen man sich nicht sofort Sorgen machen muss?

„Wenn man mal in depressiven Löchern landet. Das gehört zum Leben dazu. Da muss man nicht sofort nach Tabletten schreien: Tausende berühmte Leute beschreiben dieses Abtauchen auf die dunkle Seite des Daseins als Nährboden ihrer Kreativität. Das sollte man durchstehen – mit dem Bewusstsein, dass es wieder weggeht. Da gibt es dann Hilfsmittel wie Reisen oder Bewegung oder mal eine Flasche Bier.“

„Ernährungsstudien sind Quatsch“

Gesund leben, Ernährung, Studien
Uwe Knop ©PR

Ernährungswissenschaftler Uwe Knop ist Autor, Medizin-PR-Experte und unabhängig von Interessen Dritter.

Herr Knop,  Sie haben ein Buch über „Kulinarische Körperintelligenz“ geschrieben. Was ist das?

„Ein Kunstbegriff für das Wissen des Körpers um den Wert von Ernährung. Wir haben zwei Gehirne, im Bauch und im Kopf, und im Laufe des Lebens isst jeder Mensch verschiedene Nahrungsmittel und speichert die Informationen in diesen Gehirnen ab, sodass jeder weiß: Was ist gut für mich? Was nicht? Was liefert welche Nährstoffe? Worauf habe ich überhaupt Hunger?“

Wir sollen also mehr darauf hören, was der Körper uns sagt?

„Meines Erachtens sollte jeder auf seinen Körper vertrauen und nicht auf Regeln, denn die kulinarische Körperintelligenz ist einzigartig. Jeder isst anders, zu anderen Zeiten. Es gibt nicht DIE gesunde Ernährung für alle, sondern nur für jeden Einzelnen. Und das kann nur jeder für sich herausfinden, indem man seine Körpersignale gut interpretiert.“

Jede Woche eine neue Studie, die uns Angst vorm Essen macht. Was halten Sie davon?

„Es gibt keine Beweise für irgendeine Ernährungsregel. Das liegt daran, dass beinahe das gesamte Ernährungswissen auf sogenannten Beobachtungsstudien basiert. Und die können nur statistische Zusammenhänge, aber niemals Ursache-Wirkung-Beziehungen, also Kausalitäten, beweisen. Das heißt, wenn Sie lesen ,Fleisch macht Darmkrebs‘, dann ist das eine Aussage, die so niemand treffen kann. Was man vielleicht gefunden hat, war, dass Fleischesser mehr Krebs haben, aber warum die den haben, weiß niemand. Das kann auch so aussehen: Die Leser von der LISA leben länger als die Leser des ,Stern‘. Dann würde die Ernährungswissenschaft draus machen: LISA verlängert das Leben. Da würde jeder sich an den Kopf fassen, aber in der Ernährungswissenschaft funktioniert es genau nach diesem Schema.“

Gibt es keine einzige Studie, die eine Kausalität beweist?

„Es gibt gute und es gibt schlechte Beobachtungsstudien. Aber das ändert nichts daran, dass keine der Studien Beweise liefern kann, weil es beim Thema Ernährung z.B. unmöglich ist, mit Placebos zu arbeiten. Es wird immer nur Zusammenhänge geben. Verschiedene Studien widersprechen sich deswegen auch immer wieder. Auch der Body-Mass-Index kann keine Aussagen über Gesundheit und Krankheit treffen, weil er zu viele Mängel hat.“

„Führt mehr Selbstgespräche“

Gesund leben, Psychologie, Stress
Dr. Doris Wolf ©PR

Psychologin Dr. Doris Wolf hat zahlreiche Selbsthilfe-Ratgeber geschrieben und beschäftigt sich u.a. mit dem Thema Stressbewältigung.

Frau Wolf, ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper – stimmt das?

„Körper und Seele sind eine Einheit und beeinflussen sich gegenseitig. Wenn wir krank sind, leidet darunter gewöhnlich auch unsere Stimmung. Umgekehrt gehen seelische Erkrankungen immer auch mit körperlichen Beschwerden einher.“

Haben wir verlernt, auf unsere innere Stimme zu hören?

„Ja, oftmals funktionieren wir nur noch, arbeiten unsere Pflichtenliste ab. Dann sind wir so kaputt, dass wir uns nur noch durch TV und neue Medien berieseln lassen. Hierzu ist notwendig, dass wir unser Hamsterrad stoppen  und uns Zeit für uns nehmen. Manchen hilft es, in die Natur hinauszugehen oder in Urlaub zu fahren. Im Alltag sollten wir öfter innehalten und uns fragen: Was fühle ich gerade? Was meldet mir mein Körper?“

Was kann ich bei akutem Stress tun?

„Statt sich auf dem Sofa berieseln zu lassen, wählen Sie aktive Entspannungsmethoden wie die progressive Muskelentspannung. Positive und beruhigende Selbstgespräche sind enorm hilfreich für die Stressbewältigung. Ebenfalls wichtig ist unsere Einstellung zur Zeit: Für viele haben Pausen ein negatives Image. Hier ist Umdenken notwendig. Betrachten Sie Pausen als willkommene Gelegenheiten, Ihre Batterie aufzutanken.“

Wie kann die Seele den Körper heilen?

„Wenn wir uns wohlfühlen und innerlich entspannt sind, ist auch unsere Immunabwehr kraftvoll und aktiv. Optimismus ist gesund, aber immer eine positive Stimmung zu haben, ist unrealistisch. Zum Trost: Unser Immunsystem ist so konstruiert, dass gelegentliche negative Gefühle es nicht aus dem Gleichgewicht bringen.“

„Sport als Belohnung sehen“

Gesundheit, gesund leben, Sport
Prof. Ingo Froboese © PR

Prof. Ingo Froböse ist Sportwissenschaftler, lehrt an der Uni Köln, berät verschiedene Medien, ist Buchautor und u. a. bekannt aus dem „Morgenmagazin“.

Herr Froböse, wie macht Sport gesund?

„Wer regelmäßig trainiert, verbessert seine körperliche Fitness, stärkt sein Immunsystem, seinen Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System. Zudem stabilisiert man seinen Bewegungsapparat und baut schneller Stress ab. Außerdem setzt Sport Glückshormone frei.“

Reicht Bewegung oder muss es Sport sein?

„Man sollte sich täglich 30 Minuten bewegen. Jeder Art von Bewegung, sei es Rudern, Spazieren, Ausdauer- oder Krafttraining, ist wichtig. Man kann das auch über den Tag aufteilen, zum Beispiel in 3 x 10 Minuten.“

Kann zu viel Sport auch ungesund sein?

„Ja, wenn man falsch oder zu viel trainiert. Am besten gönnt man der trainierten Muskelgruppe einen Tag Pause. Wer sich keine Erholung gönnt, schadet auf Dauer dem Körper. Das Immunsystem wird geschwächt und man muss mit einem frühen Verschleiß von Gelenken, Knochen, Bändern und Sehnen rechnen.“

Welchen Muskeln sollten wir besonders viel Aufmerksamkeit schenken?

„Häufig zu schwach ausgeprägt sind die Rücken- und Bauchmuskeln, die Beckenbodenmuskeln und die Schulter- und Nackenmuskeln. Rund 80 Prozent der Rückenschmerzen sind muskulär bedingt. 150 Muskeln stabilisieren die Wirbelsäule, wenn diese nicht genutzt werden, verlieren sie innerhalb von zwei Wochen 35 Prozent ihrer Kraft. Aber auch die Bauchmuskeln sind wichtig für den Rücken und die Stabilisation des Körpers.“

Wie schafft man es, Sport in den Alltag zu integrieren?

„Es ist wichtig, Sport nicht als zusätzliche Belastung anzusehen, sondern als eine Art Belohnung, um sich aktiv zu entspannen. Optimal sind drei bis vier Einheiten à 20 bis 30 Minuten pro Woche.“